Die verlorene Mitte

Die verlorene Mitte

Mechanismen und Prinzipien der Unbalance und Wege zu neuer Harmonie

Unsere Bauch Rein- Brust raus Mentalität, mit ihren körperlichen, geistigen, emotionalen und energetischen Mechanismen trennt uns von unserer Mitte, unserem körperlichen und energetischen Schwerpunkt im Unterbauch. Wie der Hochseil-Artist aus seiner Mitte heraus Balance auf dem Seil halten kann, schaffen wir es ebenso nur aus unserem Zentrum heraus wirklich Balance, Gleichgewicht im Leben zu halten. Das Zentrum unserer Kraft befindet sich im Unterbauch. Schon unser Bauchnabel zeugt von der zentralen Bedeutung unseres Bauches. In dem Buch “Hara,die Erdmitte des Menschen” beschreibt Karlfried Graf Dürckheim die vielfältigen Aspekte unseres Zentrums im Bauch. Seit der Zeit Dürckheims hat sich an der “Bauch rein-Brust raus Mentalität nichts verändert. Im Gegenteil, immer offensichtlicher erkennen wir ein auf allen Ebenen des menschlichen Seins fehlendes Gleichgewicht. Zwar leben wir in Zeiten, wo tiefgreifende Veränderungen, Wandel in vielen Bereichen ablaufen, aber das hat es im Laufe der Menschheitsgeschichte schon immer gegeben. Der Mensch konnte sich mit seiner Fähigkeit des Ausgleichens immer wieder den veränderten Bedingungen anpassen. In der modernen, materialistischen und technologischen Zeit scheint es , als habe der Mensch die Fähigkeit des Ausgleichens verloren. So wechselt er von einem ins andere Extrem, fühlt sich von allem getrennt und erkennt nicht,das er mit allem vernetzt ist und in Wechselwirkung steht. Dabei zeichnet sich längst ein ganzheitliches Weltbild ab. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, daß das vorherrschende materialistische Weltbild nicht stimmig ist.

Energie, Information und Wechselwirkung

Alle Erscheinungen in unserer Welt gründen auf einer alles durchdringenden Energie, die in unterschiedlichen Aggregats zuständen schließlich auch Materie bildet. Die Einheit und Wechselwirkungen von Körper-Geist-Seele sind den Meistern des Dao seit langem bekannt und die von ihnen entwickelten Methoden, Techniken und Übungen tragen einem ganzheitlichen Weltbild und der Balancierung von Körper,Geist und Seele Rechnung und zielen letztlich auf die Harmonie von Himmel, Erde und Mensch. Bevor eine entsprechende Harmonisierung angegangen werden kann, macht es Sinn, sich über die Ebenen von Wandel und gegenseitiger Beeinflussung einen Überblick zu verschaffen. Alles ist also Energie und Schwingung, welche Informationen transportieren. Der Mensch ist ein Energiewesen, welches unterschiedliche Aggregats zustände in sich vereint. Er ist mit den anderen Wesen der Erde, der Natur und dem Kosmos verbunden. Wie ein Sender und Empfänger steht er im Informationsaustausch mit allem. Am Beispiel des Wassers, welches eine bestimmte molekulare Schwingungsfrequenz besitzt, lassen sich die unterschiedlichen Aggregatszustände gut erkennen.

Entziehe ich dem Wasser Wärme, wird sich die Schwingungsfrequenz des Wassers verlangsamen. Das Wasser verdichtet sich zu Eis. Wird wieder Wärme zugeführt, erhöht sich die Frequenz und aus dem Eis wird wieder Wasser. Wird weiter Wärme zugeführt, erhöht sich die Frequenz weiter und aus Wasser wird Dampf. Dieses Eis-Wasser-Dampf Beispiel erfahren wir täglich in den unterschiedlichsten Variationen. Die verschiedenen emotionalen Zustände verursachen differente Schwingungen, auf die unser Körper entsprechend reagiert. Eine Trauernachricht wird andere körperliche Reaktionen auslösen als z.B. eine freudige Nachricht. Jede energetische Schwingung kann Informationen transportieren. Das sehen wir z.B. bei Mobilfunk- und Radiofrequenzen. Der japanische Wissenschaftler Emoto hat experimentell festgestellt, das Wasser ein Informationsspeicher ist und ihm entsprechend Information vermittelt werden kann. Informationen lassen sich allgemein in konstruktive und destruktive Informationen einteilen. Emoto zeigte die Informationswirkung auf das Wasser anhand von Kristallisationen, welche je Wertigkeit der Informationen eine harmonische oder disharmonische Kristallerscheinung zeigten. Er belegte, das gesprochene, geschriebene, ja sogar gedachte Informationen vom Wasser eingespeichert werden (Emoto:Die Botschaft des Wassers). Viktor Schauenberger bezeichnete das Wasser als das Blut der Erde, welches die Informationen der Erde einspeichert.

Kommunikation auf allen Ebenen

Der Mensch besteht zu gut 75% aus Wasser, welche Informationen da wohl eingespeichert sind? Innerhalb unseres Organismus findet eine beständige Kommunikation untereinander statt und diese Kommunikation findet mit Himmel und Erde und den anderen Lebewesen ihre Fortsetzung. Spätestens jetzt erahnen wir die konstruktiven oder destruktiven Auswirkungen dessen was wir Denken, Sprechen, Sehen, Hören, Fühlen und Handeln. Die Art und Weise wie und was wir z.B. denken oder fühlen hat eine spürbare Auswirkung auf den Zellverbund Mensch und letztlich auf sein Befinden. Welche Informationen erhalten wir aus unserer Umwelt? Was vermitteln uns Print- und elektronische Medien? Welche Informationen senden wir? So wie wir mit allen verbunden sind, so sind auch unsere ca. 90 Billionen Zellen untereinander vernetzt. Sie tauschen untereinander Informationen aus, kommunizieren miteinander und treffen auch selbstständige Entscheidungen, was entsprechende biochemische und energetische Reaktionen auslöst. Die Homöophatie z.B. funktioniert nach genau dem Mechanismus des Einspeicherns von Informationen, was konstruktive Wirkungen in Gang setzt Der Mensch ist also mit allem informativ vernetzt, was uns in Einzelfällen auch bewusst wird. Bei dem Einen fühle ich mich wohl, beschwingt, bei einem Anderen eher energielos. So wie unsere Zellen miteinander vernetzt sind, so sind die Menschen informativ in Wechselwirkung, sie sind ebenso mit dem Himmel und der Erde in Austausch. Generationen von Astrologen befassen sich mit den feinstofflichen , energetischen Auswirkungen von z.B. Planeten und Konstellationen auf den Menschen. Selbst die Zeit, die Zeitalter haben unterschiedliche energetische Informationen und Qualitäten, die sich auch auf den Menschen auswirken. Wir leben in einer Zeit dazwischen. Das Alte ist nicht mehr, das Neue noch nicht, wie wir an den Veränderungen hin zur Globalisierung erkennen können. Lebten wir bislang in einer Zeit, wo trennende Energien wirkten (Kali-Yuga/ eisernes, trennendes Zeitalter), wirken jetzt zunehmend Energien, die unser Bewusstsein erhöhen, im Abnehmen befinden sich die trennenden Einflüsse. Verstehen wir, das alles in unserem Leben, im Kleinen wie im Großen auf energetischen Schwingungen mit konstruktiven oder destruktiven Informationen basiert, erkennen wir, das wir bewussten Einfluss nehmen und positive Informationen installieren können. Zumindest in unseren persönlichen Bereichen lässt sich vieles positiv informieren. Wir entscheiden selbst, was und wie wir Sehen, hören, denken, fühlen, sprechen und handeln.

Deine Überzeugungen werden Deine Gedanken
Deine Gedanken werden Deine Worte
Deine Worte werden Dein Handeln
Dein Handeln wird zu Deinen Gewohnheiten
Deine Gewohnheiten werden zu Deinen Werten
Deine Werte werden zu Deinem Schicksal

(Mahatma Gandhi)

Der Wandel

Von den Aspekten Energie und Schwingung schreiten wir weiter und betrachten uns die Ebenen des Wandels. Alles in den Bereichen Himmel-Erde-Mensch unterliegt einem steten Wandel, der letztlich übergeordneten Regeln und Mechanismen folgt. Für uns Menschen ist es nicht leicht den Wandel zu durchschauen, zumeist interpretieren wir den immerwährenden Wandel als Chaos, dem wir uns hilflos ausgeliefert fühlen. Aber der Wandel, die Veränderungen unterliegen Gesetzmäßigkeiten. Selbst die westliche Physik formulierte zwei grundlegende Regeln:

1.) Die Regel, dass alles sein Gegenteil in sich birgt und 2.)Die Regel der periodischen, rhythmischen Wiederkehr. Diesen Regeln folgt der Wandel in und um uns herum. Werden und Vergehen von Sternen und Galaxien, Frühling, Sommer, Herbst und Winter auf unserer Erde, auf der wir Menschen von Geburt bis zum Tod wandeln. Alle biologischen, psychologischen und energetischen Wandlungsprozesse unterliegen den Regeln eines immerwährenden Wandel. Die alten Meister Chinas beobachteten diesen alles umfassenden Wandel, erkannten Regeln und Mechanismen. Wie dem Wandel begegnet werden kann und eine Harmonie von Himmel-Erde-Mensch erreicht und erhalten werden kann legten sie in dem Buch der Wandlungen, dem Yi Jing, schriftlich nieder. Die ersten Schöpfer des Yi Jing beobachteten die Gestirne und Gezeiten, Pflanzen und Tiere und die Gesetzmäßigkeiten der Naturereignisse. Zudem erkannten sie regelmäßig wiederkehrende Beziehungsmuster in Familie und Gesellschaft, in Politik und Handel, in der Kriegsführung und in den menschlichen Dramen von Liebe, Ehrgeiz, Konflikt und Ehre. Den alles unfassenden Wandel können wir nicht in einen starren Verständnisrahmen fassen. Die grundlegenden Prinzipien und Mechanismen des Wandels aber lassen sich verstehen und anwenden. Die daoistischen Lehrmeister hinterließen uns Ideen, Konzepte und Prinzipien wie z.B. das Konzept von Himmel-Erde-Mensch (Tian-Di-Ren), dessen Zusammenhänge die Grundlagen des Qi Gong verdeutlichen und die Harmonie Zwischen Himmel-Erde-Mensch herstellen soll. Ein jedes trägt sein Gegenteil in sich und wandelt sich in periodischer, rhythmischer Wiederkehr, ist der Kerngedanke der Idee von Yin und Yang, sowie den fünf Wandlungsphasen. Das menschliche Leben vollzieht Wandlungsphasen im Rhythmus von sieben Jahren (8 Jahre beim Mann). so reifen wir vom Kinde über die Jugendzeit zum Erwachsenen und alten Menschen. Die Auswirkungen dieses Wandels müssen wir ausgleichen und mit dem Wandel der Zeit, der Gesellschaft und der Kulturen in Harmonie bringen. Getreu der Maxime, die allen traditionellen chinesischen Ausbildungswegen zu Grunde liegt, klären wir uns zunächst selbst, dann unsere Beziehungen in der Familie, um schließlich in der Gesellschaft wirken zu können. Um sich selbst zu klären, beginnen wir am besten mit etwas greifbaren. Das ist erst einmal unser Körper.

Unsere Haltung

Ein guter Spiegel für unseres “aus der Balance sein, ist unsere Körperhaltung. Aus der Psychologie wissen wir, das eine jede Emotion, ein jeder seelischer und geistiger Zustand sich in unserer Haltung wiederspiegelt. Eine ängstliche Person hat eine andere Haltung als ein wütender, trauriger oder freudiger Mensch. Im Laufe seines Lebens hat sich ein jeder SEINE Haltungsmuster im Körper und im Geiste angewöhnt. In der Regel sind wir in den energetischen Zentren von Kopf und Brust zu voll und im Unterbauch leer. Oben voll, unten leer, eine falsch ausgerichtete Wirbelsäule, durchgestreckte Gelenke und Leisten, zuviel muskuläre und mentale Anspannung sind die Kernerscheinungen unseres “aus der Mitte sein”. Entsprechende Folgewirkungen auf unsere Gesundheit und Befinden sind die Konsequenz. Den Hüften, bzw. der Hüftstellung kommt für eine korrekte Haltung eine zentrale Bedeutung zu. In den Hüften finden wir unser Gleichgewicht.

Zum einen dienen die beiden Hüftknochen mit dem Kreuzbein der Wirbelsäule als Fundament, die wiederum mit dem Kopf unsere senkrechte Körperachse bildet. Andererseits sind die Hüftgelenke “Schaltstellen” z.B. der Verwurzelung in die Erde. Über die Ausrichtung der Hüfte/Becken und Wirbelsäule arbeiten wir auf der Grundlage der Entspannung an unserer Struktur, um Energie frei fließen zu lassen. Auf dem Weg zur Perfektion treffen wir oft auf Hindernisse. Hier können wir nicht richtig entspannen, dort sind wir verspannt, sind emotional nicht in Balance oder leiden unter anderem an “Unpässlichkeiten”, Schmerzen oder gar Krankheiten.

Anpassung an die Fehlhaltung

Die W.H.O. geht von 70% Wirbelsäulenfehlstellung aus. Weit mehr Menschen leiden unter einer Fehlstellung der Hüftknochen/Becken. Um die daraus resultierenden Konsequenzen und den dahinterliegenden Mechanismus zu verdeutlichen, möchte ich etwas ausholen und auf folgende Gründe genauer einzugehen:

Eine Fehlstellung der Hüfte/Becken bringt die Körperlängsachse aus dem Lot (Abb.1). Der menschliche Organismus wird dieses “aus dem Lot sein” versuchen auszugleichen. Die Schiefstellung überträgt sich in den Oberkörper und es folgt eine Herausforderung über das Gleichgewichtsorgan in den Ohren an das Kleinhirn, den Kopf unter allen Umständen wieder senkrecht zu stellen. Das Kleinhirn hat nur eine Chance, die Senkrechtstellung des Kopfes zu bewirken: die bewegliche Wirbelsäule muss in ihrer Ausrichtung so verändert werden, damit der Kopf trotz Schiefstellung des Beckens eine Senkrechtposition einnimmt. Die ochotone Muskulatur macht es möglich, jeden einzelnen Wirbel unabhängig zu bewegen (siehe Chan Mi Gong Basisübungen). Das Kleinhirn erteilt quasi einen Dauerauftrag für Kontraktion bzw. unnormale Entspannung an die rechts und links des Wirbelkörpers liegende Muskulatur. Der so entstehende “Verkanntungsdruck” verschiebt die zwischen den Wirbelkörpern liegende Bandscheibe mit ihrem Gallertkern.

Der stehende Körper eines Menschen kann sich auf der ganzen Länge der Wirbelsäule genau dem Schiefstand des Beckens bzw. der Fehlstellung der Hüfte anpassen (Abb 2). Das Ergebnis wird, wenn die Fehlstellung nicht ausgeglichen wird, eine Skoliose sowie eine einseitige Belastung der gesamten Muskulatur sein. Steht das Becken schief, genügt ein einziger Befehl an die ochotone Muskulatur, auf die Innenseiten einer zukünftigen Skoliose sich so stark wie möglich zusammen zu ziehen und diese Position mit Hilfe des verschobenen Gallertkerns eisern zu halten.

Unser Gefäßsystem ist auf so etwas nicht eingerichtet, was ständigen Muskelkater oder Verspannungen im Rückenbereich auslöst. Der zusammengezogene Muskel verhärtet seine auf Beweglichkeit durch Verkürzung ausgerichtete Wirkweise auf ständige Verkürzung. Das Ergebnis ist eine Situation, wie sie ein Tischler mit “Schwalbenschwanz” bezeichnet, wenn er zwei Hölzer unlösbar miteinander verbinden will.

Das Lendenwirbelsäulensyndrom z. B. resultiert nach meinen Erfahrungen zu 90% aus einer Hüftfehlstellung.

Auswirkungen auf das Skelett

Wie sieht das Skelett aus, nachdem es durch Anpassung an einen Beckenschiefstand wieder eine tragbare Statik zurückgewonnen hat? Die infolge des Beckenschiefstandes schräg zur Senkrechten stehenden Ober- und Unterschenkel müssen in ihrer Position entscheidend mitverändert werden. Vor der dringend erforderlichen Muskelanpassung stehen sie in einer nicht tragfähigen Position. Die Druckverhältnisse in allen Gelenken verändern sich. Die Belastung drückt nun einseitig in den leicht verkanteten Gelenken.

Hüftgelenksarthrose, Kniegelenksarthrose, Rippenreizung, Rippen- Engstand, LWS-Syndrom, Schulterschmerzen, HWS-Syndrom, Tennisellenbogen, Migraene und Spannungskopfschmerzen sind u.A. die Folgen. Natürlich sind auch die Fußgelenke schief mit einseitiger Belastung der Fußgewölbe. Um den Ausgleich zu halten, verändert sich nicht nur die ochotone Muskulatur der Wirbelsäule. Im gesamten Muskelsystem gibt es Veränderungen. Die Zugrichtung der Muskeln verändern sich. Die Hüftgelenke, ursprünglich fähig, bei jedem Schritt das siebenfache des Körpergewichtes zur Bewältigung aller Geländeformen infolge der Krümmung des Oberschenkelhalses mit einer riesigen Gelenkfläche zu tragen, haben nur noch einen einzigen Kontaktpunkt, auf dem die ganze Last ruht. Im Kniegelenk schließlich findet der ” Abschlussanpassung” statt. Auch hier wird die Gesamtbelastung der ganzen Fläche aufgegeben zugunsten einer Punktbelastung auf der Kante. Unserer Kniegelenke sind schon ab 0,5 cm Beckenschiefstand sehr gefährdet. Hier noch Bewegung zu empfehlen, ist vergleichbar mit Autofahren mit mangelnder Motorschmierung

Auswirkungen auf Organe und Nervensystem

Doch die Folgen sind viel tiefgreifender und wirken sich auch organisch aus. Die Funktion der Organe hängt von ihrer Steuerung über das vegetative Nervensystem vom Gehirn her ab. Für das Übermitteln von Befehlen und Aktivitätsrückmeldungen zum Gehirn sind die Nerven des Vegetativum, die über das Rückenmark und die Zwischenwirbellöcher ihre Bahn ziehen verantwortlich. Die Scheiden der Nerven sind so stark mit Energie geladen, dass sie eine Meldung mit der Geschwindigkeit einer Pistolenkugel (=200 m/Sek.) weiterleiten. Jeder Nervenstrang hat seine eigene Blutversorgung und Venen zur Entsorgung. Eine Störung der Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen im Gehirn und Rückenmark infolge einer Wirbelfehlstellung durch eine Skoliose, ausgehend vom Beckenschiefstand, bedeutet Fehlsteuerung und Fehlversorgung. Jede Art der Wirbelfehlstellung muss sich negativ auf das Vegetativum auswirken. Die Skoliose bewirkt eine Verengung der Wirbellöcher für den Austritt der Nerven. Fehlgesteuerte, fehlversorgte und fehlentsorgte Organe müssen krank werden.

Die stehende Säule als Werkzeug für Haltungskorrektur

Dem allen sind wir nicht hilflos ausgeliefert. Werden wir uns unserer geistigen und körperlichen Haltung erst einmal bewusst, können wir daran Gehen Korrekturen vor zu nehmen und ein neues harmonischeres Haltungsmuster zu erarbeiten. Ein hervorragendes, seit Generationen bewährtes Werkzeug für die Reorganisation unserer Haltung ist die Übung der Stehenden Säule (Zhan Zhuang Gong).

Stehen wie ein Baum, den Ball halten oder die Stehende Säule sind Benennungen einer Übung aus dem System des Zhan Zhuang, die Schamanistischen und magischen Ursprungs zu sein scheint. Der Ursprung dieser Qi Gong-Methode liegt weit zurück in der Geschichte Chinas. Es gibt Hinweise auf diese Stehmeditation im Dao De Jing (dem grundlegenden daoistischen Werk, welches Laozi (ca. 600 v. Chr.) zugeschrieben wird). Laut Dao De Jing heißt es: “Alleine stehst du, unwandelbar und nimmst alle Geheimnisse wahr, gegenwärtig in jedem Augenblick und im unendlichen Fließen: Dies ist das Tor zu unbeschreiblichen Wundern”, im Buch des Gelben Kaisers (ca. 200-100 v. Chr.), dem Huangdineijing heißt es im Gespräch des Kaisers mit seinem Leibarzt: “Ich habe gehört, dass in alten Zeiten es geistige Wesen gegeben hat; sie standen zwischen Himmel und Erde und verbanden das Universum; sie verstanden das Yin + Yang und lenkten die Prinzipien der Natur; sie atmeten den Stoff des Lebens; sie versenkten sich bewegungslos in den Geist des Lebens und Sehnen und Fleisch waren eins”.

Die Stehübung ist das Werkzeug schlechthin, um die Körperhaltung so zu strukturieren, dass alle Gelenke geöffnet sind, die Organe gelöst sind und die Lebensenergie Qi frei im Körper zirkulieren kann. Mit ihr arbeiten wir unsere Körperstruktur und Energievernetzung heraus, wobei das Untere Dantian (Xia Dantian) das elementare Zentrum ist und alle Korrekturen auf das Xia Dantian ausgerichtet sind.

Oberes Dantian - Shang Dantian
Mittleres Dantian - Zhong Dantian
Unteres Dantian - Xia Dantian
Hinteres Dantian - Hou Dantian

Bei modernen westlichen Menschen ist die Zentrierung im Unterbauch nicht die Regel. Meistens haben wir eine Energiefülle im oberen Körperbereich: Im Kopf als Erlebnisraum für Gedankenaktivität und in der Brust als Erlebnisraum für emotionale Aktivität. Gedanken und Emotionen spielen zudem Ping Pong miteinander, der Körperschwerpunkt ist nach oben verlagert. Die Folgen der Energiefülle im oberen Bereich sind u.a. Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Sehstörungen; kurz – Stress im Kopf. Für den Brustbereich sind die Folgen u.a. Herz-Kreislauf-Beschwerden, Atemdysregulation, unsere Gefühle sind nicht zu bändigen, sie kontrollieren uns. Der grobstoffliche und feinstoffliche Körper ist aus dem Gleichgewicht, hat seine Mitte verloren.

Mit dem Praktizieren der Stehübung durchlaufen unser Körper und Atem, unser Geist und Bewusstsein sowie unsere Lebensenergie eine tiefgreifende Regulation. Diese Regulation können wir in allen Qi Gong Methoden und inneren Kampkünsten wiederfinden. Die Stehübung vereinigt Körper und Geist und macht sie zu einem ausgewogenen Kraftfeld. Energie, Blut, Sehnen und Knochen werden revitalisiert und das gesamte Energiesystem reorganisiert.

Zudem stärkt die Stehübung den Körper, alle Lebensfunktionen sowie innere (Nei Qi) und äußere (Wai Qi) Energie. Um Zhan Zhuang zu meistern, durchlaufen wir unterschiedliche Entwicklungsphasen.

Entwicklungsphasen

In der 1. Phase erarbeitet der Praktiker seine äußere Haltungsstruktur. Er steht entspannt, am Scheitel wie aufgehängt, mit schulterweiten, parallel gestellten und tief verwurzelten Füßen, in den Knien leicht gebeugt. Die Augen sind zu 2/3 geschlossen. Die Wirbelsäule hängt im senkrechten Lot herab. Die Leisten sind gebeugt, als wenn man sich setzen wolle. Die Arme sind zum Brustkorb gehoben, als wenn ein großer Ball umarmt wird (Abb.3). Das Himmlische Auge bzw. das Obere Dantian zwischen den Augenbrauen ist gelöst und schaut ins Untere Dantian. Der Unterbauch ist das Zentrum. Der Qi Gong Meister Li Zhichang sagt: “Auf 3 Säulen ruhen wir, an 3 Fäden hängen wir, Dantian ist Mittelpunkt”. Hier kann man z.B. zunächst die ganze rechte Körperseite lösen und durchlässig machen, dann erarbeitet man so die linke, vordere und hintere Körperseite, um schließlich vom Scheitel bis zur Sohle den gesamten Körper zu lösen und durchlässig zu machen. Es scheint, als setze man sich in die gelöste Struktur. Die Augen werden zu zwei Drittel geschlossen, aber nicht zugekniffen.

Für viele ist diese Phase sehr schwierig und ohne Korrektur durch einen erfahrenen Lehrer ist schon hier ein Weiterkommen sehr unwahrscheinlich. Unser gesamter Halte- und Stützapparat hat im Laufe unseres Lebens eine Haltungsstruktur entwickelt, die durch uns bzw. unsere Angewohnheiten, Verletzungen, Psychotraumata, Charakterkonditionierungen und Sozialisierungen geprägt ist.

Durch Üben von Zhan Zhuang werden diese Muster gelöscht und eine Struktur, die ein im Gleichgewicht-Sein zum Ziel hat, installiert. Die Übenden durchlaufen einen ganzheitlichen Transformationsprozess, der für viele bitter schmeckt. In den ersten Phasen wird auf der Ebene von Knochen-Sehnen-Muskeln geübt. Das heißt: Die Haltung und Ausrichtung des Skelettsystems wird verändert, die Sehnen- und Muskelbelastungen werden ausgeglichen.. Der Übende ist damit beschäftigt, selbst seine Haltung und Spannungen zu regulieren. Er fühlt, lauscht in seinen Körper hinein, um Blockaden zu erkennen und zu lösen. Knochen, Muskeln und Sehnen sind diese korrigierte Haltung aber nicht gewohnt. Oft kommt das alte Haltungsmuster durch, Sehnen und Muskeln zittern, evtl. schmerzen Knochen (z.B. Kniegelenke). Die Alltagshaltung des modernen Menschen drückt u.a. kinetische bzw. Bewegungsenergie in den oberen Körper. Stehen mit durchgedrückten Knien führt zu schnellem Verschleiß von Knie- und Hüftgelenken sowie zur Degeneration der Bein- und Hüftmuskeln. Durch eine solche Stellung verspannt u.a. der untere Rücken. Eine Unterbauchentspannung ist fast nicht möglich. Energie wird in Brust und Kopf gedrückt. Die Folgen sind ein Aus-der- Mitte-, Aus- dem- Gleichgewicht- Kommen mit allen Konsequenzen für Körper, Geist und Seele.

Wird Zhan Zhuang regelmäßig geübt, legen sich viele der Beschwerden beim Üben. Knochen, Muskeln und Sehnen haben sich an die ungewohnt veränderte Belastung angepasst. Die konzentrierte Aufmerksamkeit beim Ablauf der Übung hat dem Geist gezielte Aufgaben gestellt und so etwas gebändigt. Die Konzentrationsfähigkeit ist besser geworden. Man kann sich mehr anderen Aspekten des Zhan Zhuang zuwenden. Kann man auf der Haut-Muskel-Sehnen-Ebene wirklich entspannen und loslassen, stellt sich die Wahrnehmung des Energieflusses ein, die Korrektur durch einen Lehrer immer vorausgesetzt. Es gilt hier zu beachten, dass Vorstellung und Qi-Wahrnehmung getrennt bleiben! Die Eigenwahrnehmung der Übenden ist anfänglich zu subjektiv, um eine korrekte Haltungsposition einzunehmen und weiter zu erarbeiten. Nur durch Korrektur und tägliches Üben bekomme ich ein Gefühl dafür, in welche Richtung die Korrektur des Lehrers geht, bzw. welches Prinzip hinter den Korrekturen steht.

In dieser ersten Phase werden in der Regel allgemeine Missempfindungen sowie besondere Wahrnehmungen den Übenden widerfahren. Bis sich Wohlbefinden und Entspannung einstellen, können u.a. Empfindungen wie Erstarrung, Taubheit, Asymmetrie, Schmerzen, Wärme, Kühle, Schwanken beim Stehen, auftreten.

Prof. Yu Yongnian, ein Schüler von Wang Xiangzhai, 1920 in Dalian geboren, entwickelte die korrekte Anwendung des Zhan Zhuang bei verschiedenen Erkrankungen in chinesischen Hospitälern. Dabei erstellte er eine Liste, welche öfter auftretende Empfindungen und Wahrnehmungen in den ersten Übungswochen tabellarisch wiedergibt. Hat man gelernt, die in etwa richtige Position einzunehmen und eine erste Umstrukturierung (Knochen-Muskeln-Sehnen) im wahrsten Sinne durchgestanden, kann der Praktiker die äußeren 3 Harmonien (Wai San He) richtig vertiefen.

Wai San He

Jian Yu Kua He - Schultern und Hüften verbinden sich
Zhou Yu Xi He - Ellenbogen und Knie verbinden sich
Shou Yu Zu He - Hand- und Fußgelenke verbinden sich

Am Ende der ersten Phase des Zhan Zhuang sollte es gelingen, Yin und Yang in Bezug auf oben und unten des Körpers auszugleichen, um die sogenannte Doppelte Gewichtung zu beseitigen d.h. durch das am Scheitel wie aufgehängt sein und nach unten lösen von Haut, Muskeln und Sehnen sinkt “das Schwere nach unten, das Leichte kann nach oben steigen”. Hierbei sollte die Aufmerksamkeit beim Üben zu 80% beim “das Schwere nach unten sinken lassen” und zu 20% am Scheitel sein. Der menschliche Organismus bzw. sein Energiesystem wird in dieser Phase noch nicht soviel steigende Energien ertragen, zumal zunächst mit Absenken des Körperschwerpunktes ein Fundament für weitere Energiearbeit geschaffen werden muss. Dem Sinken des Yin widmet man zunächst 80%, dem Steigen des Yang zunächst 20%. Das kommt dem modernen Menschen entgegen, der in der Regel “oben voll und unten leer” ist. Übende mit niedrigem Blutdruck und Neigung zur Ohnmacht können mehr auf den Yang-Aspekt achten.

Sind wir am Scheitel wie aufgehängt, nach unten entspannt/gelöst und im Unterbauch gesammelt, können die meisten ca. 20-30 Minuten stehen und fühlen sich relativ wohl. Sollten sich Schmerzen im Halte-Stützapparat hartnäckig halten, und auch durch die Korrekturen des Lehrers nicht verschwinden, macht es Sinn, einen Osteopath oder Chiropraktiker aufzusuchen, um Fehlstellungen von Becken, Hüfte, Wirbelsäule und Rippen zu korrigieren. In der ersten Phase dieser Übung sollten wir eine hohe, leicht gesetzte Position einnehmen und äußerlich nicht zu tief stehen. Muskulatur und Energielevel sollten Zeit zur Anpassung haben, damit kein Schaden entstehen kann.

Die 2. Phase unserer Entwicklung in der Stehenden Säule nutzen wir, um die Entspannung zu vertiefen. Nach Haut, Muskeln und Sehnen werden die inneren Organe gelöst, noch mehr schwerer Ballast kann absinken. Beim Absinken der Energien fließen 80% ins untere Dantian, 20% weiter durch die Beine bis zu den Füßen und in die Erde. Obwohl die Beine fast zu platzen scheinen, rührt dieser Effekt nicht ausschließlich von einer Energiefülle, sondern auch von den “schwereren” Substanzen wie z.B. Blut, Lymphe, Gewebeflüssigkeit. Aber dies ist keine Einbahnstraße, zur absinkenden Energie kommt eine, durch die richtige Erdung aufsteigende Energie. Diese sollte zunächst zu 80% über das hintere Dantian (Hou Dantian=Ming Men) in die Nieren und zu 20% zum Scheitel fließen. Wie in Phase 1 kann man hier alle Körperseiten einzeln, dann gesamt, lösen, um schließlich auch die Haut zu lösen, als wenn man in alle Richtungen strahlt und wie Hefe aufgeht.

Die Betonung des Sammelns im unteren Dantian ist sinnvoll. Im Schmelztiegel des unteren Dantians, besonders wenn es uns gelingt, das Feuer des Herzens dorthin fließen zu lassen, werden alle negativen, verbrauchten Energien gereinigt und umgewandelt. Und von diesem Energiezentrum fließt die Energie wie durch “1000 Schläuche” in den gesamten Organismus und strahlt über die gelöste Haut. Die Wahrnehmung des Fließens der Energie in der 1. Phase bekommt hier eine neue Dimension. Der Weg dahin ist aber recht schwer, viele scheitern in dieser Phase. Das Lösen der inneren Organe hat tiefgreifende Konsequenzen. Altes Psychogepäck, Verdrängtes, Unverarbeitetes löst sich aus unseren Tiefen. Kaum kann man sich selbst Ausstehen. Schnell greift man wieder nach bewährten “Festhaltemustern”. Soll dies keine Grenze in der Vertiefung der Stehenden Säule sein, können ein verständiger Lehrer, ein Gesprächstherapeut, ein Osteopath oder Chiropraktiker helfen. Unsere Haltung ist Ausdruck und Spiegel unseres Selbst. Durch die immer besser werdende Lösung und Entspannung unseres Körpers sollte die innere Energie und die Energieaura stärker geworden sein, der innere Energiezusammenschluss und Fluss, die energetische Verbindung mit unten und oben, rechts und links, vorn und hinten wird intensiver. D.h. wir können die Verbindung mit “außen” ausarbeiten.

Bezogen sich in der 1. Phase die Wahrnehmungen und Empfindungen vorwiegend auf körperliche Symptome, können mit dem letzten Drittel der 1. Phase immer mehr psycho-vegetative Dysbalancen bis zum Meistern der 2. Phase in den Vordergrund treten. Hier sei wieder auf die Bedeutung einer Betreuung durch einen erfahrenen Lehrer hingewiesen! In der 2. Phase müssen auch kleinste Ungenauigkeiten in der Spannungsbalance von Muskeln, Sehnen, Knochen und Organe korrigiert werden. Man kommt seinem eigentlichen Selbst immer näher. Zhan Zhuang bekommt hier eine psychoreaktive Wirkung. Für den Praktizierenden sollten hier auch die 3 inneren Zusammenflüsse bzw. die inneren 3 Harmonien (Nei San He) korrekt installiert sein.

Nei San He

Xin Yu Yi He - Das Herz verbindet sich mit der Aufmerksamkeit
Qi Yu Li He - Die Energie verbindet sich mit der Kraft
Jin Yu Gu He - Die Sehnen verbinden sich mit den Knochen

In der 2. Phase sollte der Zustand Ru Jing (innere Ruhe) längere Zeit gehalten werden können, selbst wenn Ablenkungen auftreten, wie z.B. Telefonklingeln oder manchmal auch nur eine Mücke. Jetzt sollte die Standposition tief entspannt mit geöffneten Gelenken und Energieleitbahnen sowie mit aus dem Zentrum heraus frei fließendem Qi über 30-40 Minuten gehalten werden können. Oftmals werden in dieser Phase verschiedene Atemtechniken sowie unterschiedliche Imaginationen durchgeführt, z.B. Energie aus Bäumen aufnehmen, Gegenbauch-, Haut-, Knochenatmung. Jetzt sollte das Jing und Qi-Potenzial durch regelmäßige Praxis erhöht sein. Hier beginnt die eigentliche Transformationsphase.

Mit Beginn der 3. Phase ist der Übende in einem wirklich tranceähnlichen Zustand, wo er alle aktiven Vorstellungen unterlässt. Das Alltagsbewusstsein ist immer mehr in den Hintergrund getreten. Seine beobachtende Funktion ist vollends erloschen. Jedes bewusste Gefühl für sich selbst, ja sogar für Zeit und Raum, verliert sich. In diesem Zustand ist stundenlanges Stehen möglich. Die 3. Phase eröffnet dem Praktizierenden die volle spirituelle Tiefe, fern ab von allem Dogma und Methoden. Hier muss selbst die Methode, die uns bis hierhin gebracht hat, wie ein Werkzeug nach getaner Arbeit aus der Hand gelegt werden.

Mit der Zhan Zhuang-Übung steht uns eine Übung zur Verfügung, welche seit Jahrhunderten durch ihre umfassende, stärkende, harmonisierende Wirkung von Meistern verschiedenster Systeme hoch geschätzt wird. Die Stehende Säule ist u.a. wie eine energetische Dusche mit stark reinigender und stärkender Wirkung.

Die Wirkungen des Zhan Zhuang sind bei sachgerechter Anleitung durch einen Lehrer und richtigem Üben in einigen Wochen bis Monaten spürbar.

Nach unten schwer, nach oben leicht, im Unterbauch gesammelt. So Ausgerichtet und Zentriert verlieren wir auch in stürmischer See nicht unser Gleichgewicht. Schaffen wir es, das durch diese Übung aufgenommene Jing und Qi auf der Grundlage der acht Stufen der inneren Alchemie zu Shen/Geist zu veredeln, werden unsere Denk- und Gefühlsmuster durch zunehmende Erkenntnis eine Harmonisierung erfahren und eine Balance im Kontext Himmel-Erde-Mensch rückt in greifbare Nähe.

Text: Gerhard Milbrat
(Auszug aus dem Buch Die Kunst der Balance/ erscheint 2009)

Abb. 1: Die Längsachse kommt aus dem Lot
Abb. 2: Nach der Ausgleichsanpassung
Abb. 3: GM Chen Xiaowang in der Zhan Zhuang Übung

Literatur:

Bruce Lipton/ intelligente Zellen
Marco Bischof/A.Popp-Biophotonen
Emoto.Die Botschaft des Wassers

Stock und Speer, wie Donner und Blitz

Eine der ältesten Taiji Formen überhaupt ist die Stock/Speer Form (Chen shi taiji li hua qiang jia bai yuan gun) der Chen Familie und geht bis auf Chen Wangting zurück. Gu Liuxin verweist in seinem Buch “The Origin, Evolution and Development of Shadow Boxing” auf den Kampfkunstmeister Tang Hao(1897-1959), der durch seine Forschungen über die Ursprünge des TaiJi Quan folgerte, das Chen Wangting beim ausarbeiten der Stock/Speer Form stark von den Schriften des Ming Generals Qi Jiguang (.1528-1587.) beeinflusst wurde. Qi Jiguang, der selbst ein herausragender Speerkämpfer war, favorisierte die Speer-Techniken der 24er Speerform der Yang Familie (nicht zu verwechseln mit der Yang Familie, welche das Yang Taiji Quan verbreitete) und integrierte diese in seine Schrift über militärisches Training. Chen Wangting folgte beim kreieren der original Version der Stock/Speer Form dem Schema der 24er Yang Speer Form, übernahm Techniken, Stellungen und die Namen der einzelnen Bewegungen. Zudem integrierte er die Taiji Prinzipien und die Stock/Speer Form wuchs nach und nach von 24 auf bis zu 72 Bewegungen, die in ihren Anwendungen immer wieder zwischen Stock- und Speer-Techniken wechseln.

Die Grundlage für das Beherrschen der Speertechniken ist ein solides Fundament im Umgang mit dem Stock. In chinesischen Kampfkunstkreisen heißt es: Den Stock täglich über 100 Tage lang trainieren, um ihn auf dem Schlachtfeld anwenden zu können. Um mit dem Speer kämpfen zu können, sind 1000 Tage täglichen Trainings nötig, das Meistern des Schwertkampfes macht 10 000 Tage täglichen Trainings nötig. Der Stock ist die Mutter der Waffen, der Speer der König und das Schwert die Königin. Der Stock symbolisiert den Drachen und entspricht der Wandlungsphase Holz.

Der Stock/Gun

Das Material, Länge und Gewicht des Stockes lassen sich nicht in einen Standard zwingen., sie sind abhängig von der geographischen Region, der Zeitepoche, der Größe und Kraft des Kämpfers. Im Westen und Norden Chinas verwendete man Hartholz wie z.B. Eiche, Birke oder Rosenholz. Im Süden eher Rattan oder Bambus. Die früheren Krieger-Generationen wählten eher schweres Hartholz. Im Laufe der Zeit favorisierte man leichteres Holz um schnellere Aktionen durchführen zu können. Die Länge des Stockes variierte im Norden zu dem im Süden. Im Norden galt die Faustregel, das der Stock bis zum Handgelenk des nach oben ausgestreckten Armes reichen sollte. Der Stock der südlichen Kämpfer reichte nur bis zu den Augenbrauen (Qi Mei Gun). Eine Art des Qi Mei Gun wird auch in der Chen Familie unterrichtet. Bei seinem Besuch in Lüdinghausen vermittelte mir Chen Zhiqiang die Form Chen Shi Qi Mei Gun , wobei der Stock bis zu den Augenbrauen reicht. Im alten China waren drei Arten des Stockes berühmt: 1.) Der einfache gerade Stock (Gun), 2.) Ein mit Metallkappen an den Enden versehender Stock, der Wasser- und Feuer-Stock (Shui Huo Gun) genannt wurde und dessen metallene Enden die Schlaghärte erhöhen und ein Aufsplittern der Enden verhindern sollte. 3.) Die dritte Stockart nutzte eine spitze Metallkappe (Gun Qiang) um auch durch Rüstungen zu stoßen. Der Stock wird, wie der Säbel, mit massiver Kraft eingesetzt. Entsprechend einfach sind die Techniken des Stockes, z.B. mit den Enden und dem Schaft stoßen, schlagen, fegen und starr oder kreisend blocken. In schnellen Wechseln werden Schläge mal mit dem einen, dann mit dem anderen Ende ausgeführt, was den Stock zu einer sehr direkten Waffe macht. Die Stocktechniken werden ausgefeilter, wenn der Stock mit verschiedenen Spitzen zum Speer oder zur Hellebarde wird. Das zeigt, dass der Gebrauch von Speer oder Hellebarde immer auch Stocktechniken beinhaltet.

Der Speer/Qiang

Der Ursprung des Speeres datiert in der chinesischen Geschichte weit zurück und soll auf einen Bambusstock zurückgehen, der an einem Ende spitz zugeschnitten wurde (Zhu Qiang). Mit Verbesserung der Metallherstellung und Verarbeitung wurde der Stock mit einem spitzen, metallenen Knauf versehen (siehe Shui Huo Gun). Erst später entwickelten sich blattartige Klingen, die als Spitze montiert wurden. Dieser Blattklingen-Speer wurde auch als Wurfspeer (Biao Qiang) verwendet. Mit der weiteren Entwicklung des Speerkampfes wurden eine Vielzahl verschiedener Spitzen hergestellt, mit denen die unterschiedlichsten Anwendungen durchgeführt wurden. Der General Yue Fei z.B., der das Xing Yi Quan entwickelt haben soll und in der Zeit der südlichen Song Dynastie (1127-1280 n.chr.) lebte, entwickelte einen Speer mit einem zweischneidigen sichelförmigen Haken unter der Spitze. Diesen Speer konnte er gegen die Beine der Pferde zum zerschneiden der Sehnen einsetzen. Dieser Speer bekam im Laufe der Zeit den Namen Gou Lian Qiang, dessen Weiterentwicklung zum Pu Dao, einer Kurzhellebarde, wurde (abb1). Die Entwicklung der Spitze führte schließlich bis zum Doppelkopfspeer (Shuang Tuo Qiang) (abb 2-5) Der verwendete chinesische Stahl war recht kohlenstoffreich, was ihn verschleißanfällig machte. Mit modernem Stahl verbesserte sich auch die Haltbarkeit. Speerspitzen kann man sich heute in kurzer Zeit nach eigenen Ansprüchen selbst schmieden. In 2009 bietet die WCTAG-NRW zwei Kurse zum Schmieden einer Speerspitze an.

Die Tassel

Eine grundlegende Entwicklung geschah noch vor der “Spitzen-Evolution”. Um ein abfließen des Blutes entlang des Schaftes zu verhindern, entwickelte man einen Blutstopper (Xue Dang): Die Tassel. Ursprünglich aus Pferdehaar hergestellt, eignete sich diese Tassel hervorragend um Blut nicht auf dem Schaft fließen zu lassen. Geronnenes Blut macht die Stange sehr glitschig und eine sichere Handhabung war nicht gegeben. Auch heißt es, dass die Tassel den Gegner verwirren sollte

Das Holz

Als Speerkörper nutzte man ab der Jin Dynastie (265-420n.Chr.) vorwiegend Bai La Mu, welches ausschließlich im Norden Chinas wächst, oder Rattan, welches im Süden Chinas vorkommt. Dieses Holz war biegsam und leicht, was schnellere Aktionen möglich machte. Die heute erhältlichen Speere bestehen aus dem weißen Wachsholz, welches sich zur Spitze hin, wachstumsbedingt, konisch verjüngt.

Im Kampf Mann gegen Mann waren die Speere eher kürzer. (abb6-6a) Kämpfte der Fußsoldat vorwiegend gegen berittene Krieger oder gegen Gegner in Streitwagen, war eine längere Stange nötig. Mit diesen Langspeeren (Da Qiang/Mao Qiang) kämpften auch Reiter und Streitwagenkämpfer untereinander.(abb7-8)

Grundtechniken und Einzeldrills

Um effektiv mit Stock und Speer zu kämpfen müssen Grundlegende Techniken in Einzeldrills trainiert werden. Speertechniken sind extrem schnell und beweglich wie der Schwanz des Drachen.

Allgemein nutzt die Chen Familie 14 Grundtechniken für die Anwendung von Stock und Speer, wobei die meisten davon der Spitze auf der Stange Rechnung tragen und somit Speertechniken sind.

14 Grundtechniken:

  1. Lan – abwehren/blocken
  2. Da – schlagen
  3. Zha- Stoß
  4. Pi – drüberlegen
  5. Beng – explodieren/wie vom Splitter getroffen
  6. Sao – wischen/fegen
  7. Dian – Punktschlag
  8. Tiao – mit einem Peitschenschnalzen
  9. Pi – spalten
  10. Ba – ziehen
  11. Jia – trennend abwehren
  12. Jiao – drehen/umkreisen
  13. Chan – einwickeln
  14. Ci – stechen

Prinzipien wie Zhan (Kontakt) und Nian (kleben bleiben) sind , wie im gesamten Taiji Quan, auch in der Stock/Speeranwendung grundlegend. Chen Wangting arbeitete mit den Prinzipien Zhan und Nian die Übungen der klebenden Speere heraus. In der Form werden nur wenige Bewegungen langsam ausgeführt. Das allgemeine Übungstempo ist energisch, direkt und schnell, mit vielen explosiven Kraftentladungen. Grundlage aller Techniken und Bewegungen sind eine taijispezifische Haltungsstruktur und Beinarbeit, wie sie durch die Handformen installiert werden.

Stock und Speer der Chen Familie sind ein hervorragendes Trainingswerkzeug, welches hilft, schnell Kraft und Energie zu entwickeln. Das gilt besonders für die Energie und Kraft, welche über den Rücken, Schulter in die Arme läuft. Die Grundübung des Lan-Da-Zha ist eine gute Methode, um die Beine, Hüften, Rumpf und Arme und ein starkes Fajing zu entwickeln.

Besonders die Speertechniken kräftigen den linken Arm und helfen, die Koordination von Augen, Händen, Stellungen und Schritten zu entwickeln.

In der Ausbildung an Stock und Speer macht es Sinn, den Stock vom Speer zu differenzieren und zunächst die Prinzipien und Energien des Stockes klar zu trainieren. Das Greifen von Stock und Speer unterscheidet sich. Der Stock wird mit beiden Händen in gleicher Weise gegriffen. Dabei sind es vor allem Daumen und Zeigefinger, welche den Stock halten. Beim Speer greift die linke Hand mit Daumen, Mittel-, Ring- und Kleinfinger. Der Zeigefinger liegt eher auf der Stange, was den Speertechniken Rechnung trägt. Mit biegsamen Holz und einer entsprechenden Greiftechnik werden spiralige Anwendungen möglich .Der Speer wird oft um die gegnerische Waffe geführt, um Angriffe auf die waffenführende Hand zu lenken. Stock und Speer sind Distanzwaffen und auf Distanz sind sie gefährliche Waffen. Im Nahkampf sind Kurz-Waffen wie Schwert und Säbel dem Stock/Speer überlegen. Um Stock und Speer kampftauglich zu meistern, empfiehlt es sich, neben dem Üben der Solo- und Partnerformen Basistechniken einzeln zu trainieren und nach und nach aus zu arbeiten. Zunächst sollte der Focus auf den Stock gerichtet sein, um durch Grundübungen Koordination von Armen, Rumpf und Beinen zu fördern, ein Grundgefühl für die Stange und Schlagkraft zu bekommen. Stocktechniken werden mit massiver Kraft ausgeführt, eine entsprechende äußere Kraftentwicklung ist notwendig, um relativ schnell kampftauglich zu werden. Einer meiner Lehrer betonte immer wieder, das Stock und Säbel grobe Waffen sind und Filigran-Techniken später auf der Grundlage äußerer Schlagkraft herausgearbeitet werden sollten. Aufgrund des massiven Krafteinsatzes mit der entsprechenden Durchschlagskraft verdrängte z.B. der Säbel das Schwert von den Schlachtfeldern. Wie massiv zwei grobe Waffen zusammenarbeiten sehen wir bei der Hellebarde, wo Stock und Säbel zu einer extrem gefährlichen Waffe verschmolzen sind. Mit dem Stock lässt sich , neben dem Solo- und Partnertraining, auch gut an Sandsack und Pratzen üben

Von Grob nach Fein

Wird der Stock sicher beherrscht, lassen sich die speziellen Anforderungen eines Stockes mit einer Speerspitze, die ein zweischneidiges Messer ist, austrainieren.. Der Einsatz der Stich-, Schnitt- und Hackklinge auf der Stange erweitert die Anwendungsmöglichkeiten des Stockes, und andere Einzeldrills werden nötig. Im Training mit Stock und Speer verläuft die Entwicklung von Grob nach Fein. Das Üben von Einzeldrills mit dem Speer, mit und ohne Schrittarbeit, fördert Spiralkraft und stärkt den gesamten Körper. Täglich 100x mal Lan-Da-Zha in mittlerer bis tiefer Stellung regelmäßig durchgeführt, fördert sehr schnell Kraft und Kondition. Um die Speerspitze treffgenau ins Ziel bringen zu können, werden Stichübungen auf Zielscheiben oder Zielringe in verschiedenen Größen trainiert. Dabei wird die linke Hand zum Zielen und die rechte als “Treibladung” benutzt. Übungen von Punktschlägen aus allen Richtungen erweitern die Treffsicherheit. Um Schnitte ausführen zu können, müssen wir wissen wie die Schnittflächen aus zu richten sind Mit zunehmender Übung werden Stock und Speer zu einem integrierten Teil unseres Körpers, der auch mental und energetisch integriert werden muss.

Damit Stock und Speer einen Kampf gegen andere Waffengattungen (z.B. Säbel und Schwert) unbeschadet überstehen können, wird das Holz in Paraffin oder Oel für mehrere Wochen getränkt, wodurch die Stange biegsamer und glatt wird. So gleiten selbst scharfe Klingen an dem Holz ab. Überhaupt sollte das Holz der Stange biegsam sein, damit Folgeschäden des Trainings in den Gelenken vermieden werden. In der Regel wird weißes Wachsholz (Bai La Mu) benutzt, welches konisch verjüngend zur Spitze hin verläuft. Unterschiedliche Dicken, Längen und Verwachsungen erfordern eine persönliche Auswahl des Holzes Stock und Speer haben wegen ihrer Effektivität einen hohen Stellenwert unter den chinesischen Waffen. Sie sind in ihrer Anwendung wie ein Gewitter. Wie Blitz und Donner wirken sie zusammen.

Text: Gerhard Milbrat

Quellen:

The Boxing Classic of Qi Jiguang
by Kenneth Cohen USA 1994

Ancient Chinese Weapons
Dr Yang Jwingming-USA 1999

Chen Style Taijiquan
Davidine Siaw Voonsim + David Gaffney
California 2002

Taijiquan und traditionelle chinesische Medizin

Bei uns richtig bekannt geworden ist das Tai Ji Quan (TJQ) als eine der Gesundheit und Lebenspflege dienliche Übungsmethode, mit der wir die Voraussetzungen für ein gesundes und vitales Leben schaffen können. Weltweit widmen sich mittlerweile Millionen von Menschen dem TJQ aus den unterschiedlichsten gesundheitlichen Hintergründen heraus. Die Palette der Erkrankungen und Störungen, bei denen TJQ hilfreich ist, reicht von Erkrankungen des Halte-Stützapparates über Herz-Kreislauferkrankungen, Erkrankungen der Atmungsorgane bis Verdauungsstörungen, Immunschwäche und streßbezogenen Störungen. Mit guten Ergebnissen wird TJQ in Rehabilitationskliniken eingesetzt. Bücher können gefüllt werden mit Verlaufsberichten, Fallbeispielen und Erfahrungsberichten. Immer mehr wird TJQ und dessen medizinische Wirkungen wissenschaftlich ausgelotet und das ist auch gut so. Für den TJQ-Lernenden bietet es sich geradezu an, sich die Medizin der Chinesen etwas genauer anzuschauen.

Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)

Die herausragenste und unverwechselbarste Theorie des TJQ ist die Theorie von Yin + Yang. Zusammen mit dem Konzept vom Qi durchdringt die Idee von Yin + Yang die chinesische Philosophie und ist wie im TJQ auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) die wichtigste Theorie. Wie wir wissen stehen Yin + Yang in ständiger Wechselwirkung, die 4 Hauptaspekte zeigen:

  1. die Gegensätzlichkeit von Yin + Yang,
  2. die gegenseitige Abhängigkeit von Yin + Yang
  3. der wechselseitige Verbrauch von Yin + Yang
  4. die wechselseitige Umwandlung von Yin + Yang

Die Anwendung von Yin + Yang in der TCM nutzt vorrangig 4 Strategien:

  1. das Yin stärken
  2. das Yang stärken
  3. Yin-Fülle beseitigen
  4. Yang-Fülle beseitigen

Eine Einteilung der Organe in Yin + Yang zeigt das Konzept der 5 Speicher- und 6 Palastorgane (Wu Zang Liu Fu)

Die fünf Speicherorgane (Zang) sind Yin: Leber, Herz (Herzbeutel), Milz, Lungen und Nieren. Zu ihren Aufgaben gehört die Herstellung , die Lagerung und Kontrolle/Lenkung der Grundsubstanzen Qi (Funktion, Energie), Blut und Körperflüssigkeiten.

Die sechs Palast- oder Hohlorgane (Fu) sind Yang: Dickdarm, Dünndarm, Magen, Gallenblase, Blase, Dreifacher Erwärmer, (San Jiao). Ihre Hauptfunktionen sind das Aufnehmen, Trennen, Verteilen und Ausscheiden von Nahrungsmitteln und Körpersubstanzen sowie die Herstellung des Qi.

Jeweils ein Yin- und ein Yang-Organ bilden eine funktionelle Einheit, der eine Wandlungsphase, Meridiane, Sinnesorgane, bestimmte Gewebe und mehr zugeordnet werden. Sie bilden einen Funktionskreis mit bestimmten Aufgaben. Ist ein Teil des Funktionskreises auffällig oder krankhaft verändert, schließt der TCM-Arzt auf den entsprechenden Funktionskreis und richtet seine Therapie entsprechend aus.

Wu Xing

Gemeinsam mit der Theorie von Yin + Yang ist das Konzept der 5 Wandlungsphasen (Wu Xing) die Basis der chinesischen Medizintheorie. Jede der 5 Wandlungsphasen repräsentiert u. a. einen bestimmten Meridian, Organ, Emotion, Farbe, Sinnesorgan und Jahreszeit … .

Die 5 Wandlungsphasen (auch 5 Elemente) symbolisieren ebenfalls 5 unterschiedliche Bewegungsrichtungen.

Holz entspricht einer Expansion nach aussen in alle Richtungen geführten Bewegung,
Metall dagegen für eine sich zusammenziehende Bewegung,
Wasser wird mit einer nach unten gerichteten,
Feuer mit einer nach oben gerichteten Bewegung und
Erde mit Stabilität oder Neutralität gleichgesetzt.


Abb. 1

Auch die Wu Xing stehen zueinander in Wechselbeziehung. Die Interaktionen zwischen den 5 Wandlungsphasen sind von grundlegender Bedeutung für das ganze Konzept. Man unterscheidet unterschiedliche Interaktionen: die Hervorbringungssequenz, die Kontrollsequenz, die Überwindungssequenz und die Verachtungssequenz (s. Abb. 1).
Die beiden ersten Zyklen befassen sich mit dem normalen Gleichgewicht der Elemente untereinander. Die letzten beschäftigen sich mit der gestörten Beziehung der Elemente untereinander.

Vitale Substanzen

Das Funktionieren von Körper und Geist erklärt die TCM als das Ergebnis der Interaktion vitaler Substanzen. In der Reihenfolge der Substanzhaftigkeit nennt man Qi/Energie, Xue/Blut, Jing/Essenz und Jinye/Körpersäfte.

Letztendlich ist alles Qi in verschiedener Abstufung von Substanzhaftigkeit. Die TCM differenziert das Qi in Yuan Qi (Ursprungs Qi), Gu Qi (Nahrungs Qi), Zong Qi (Sammel Qi), Zheng Qi (Wahres Qi), Ying Qi (Nähr Qi) und Wei Qi (Abwehr Qi).

Unabhängig von den verschiedenen Qi Arten sind die grundlegenden Qi-Funktionen: Umwandeln, Transportieren, Halten, Heben, Schützen, Wärmen.
Krankhafte Störungen des Qi-Haushaltes zeigen sich auf 4 verschiedenen Arten: Qi-Mangel, krankhaftes Absinken des Qi, Stagnation von Qi und rebellierendes Qi, wenn es in die falsche Richtung fließt.

Jing Luo


Abb. 2

Qi verteilt sich über ein Leitbahnsystem im gesamten Organismus (s. Abb. 2).

Es werden 14 Haupt- und 6 Sondermeridiane unterschieden, die, untereinander vernetzt, vielerlei Funktionen erfüllen. 12 der Hauptmeridiane sind bilateral paarweise angelegt. Sechs entsprechen Yin, sechs entsprechen Yang. Sie beginnen oder enden an den Fingern bzw. Zehen. Es wird das Yin + Yang der Arme sowie das Yin + Yang der Beine unterschieden (s. Abb. 3).


Abb. 3

Das Yin der Arme fließt in den Leitbahnen von Lunge, Herz und Herzbeutel, das Yang der Arme fließt in den Meridianen von Dickdarm, Dünndarm und 3-Erwärmer, der den oberen, mittleren und unteren Teil des Leibes beschreibt.
Das Yin der Beine fließt in den Leitbahnen von Milz, Niere und Leber, das Yang der Beine fließt in den Meridianen von Magen, Gallenblase und Blase.


Abb. 4

2 der 14 Hauptmeridiane verlaufen mittig des Rumpfes vom Damm zum Kopf, wobei die Rückseite dem Yang, die Vorderseite dem Yin entspricht. Die Meridiane sind im Idealfall durchgängig und harmonisch mit Qi gefüllt. Der Pulswelle in arteriellen Blutbahnen ähnlich, durchläuft im Laufe von 24 Stunden eine Energiewelle das Leitbahnsystem (siehe Abb. 4). Die Meridiane sind Funktionskreisläufe und haben eine enge Verbindung zu den Hauptorganen.

Diagnose

Auf der Grundlage der genannten Konzepte und den Interaktionen und Funktionen erstellt der TCM-Therapeut eine Diagnose. Er nutzt Sehen, Hören, Riechen, Fragen und Fühlen. Er bildet sich ein umfassendes Bild, das alle Symptome und Krankheitszeichen in Betracht zieht. Er sucht nicht primär nach Ursachen, sondern nach Mustern. Diese können identifiziert werden gemäß 8 Prinzipien. Die 8 Prinzipien sind eine Zusammenfassung aller anderen Identifikationsmethoden und ist bei allen Erkrankungen anwendbar:

Innen – Aussen, Leere – Fülle,
Hitze – Kälte, Yin – Yang

Weitere Muster lassen sich u. a. identifizieren:
gemäss Qi – Blut und Säfte, gemäss der inneren Organe, gemäss der 5 Elemente, gemäss der Leitbahnen, gemäss der pathogenen Faktoren.

Ist das Muster einer Störung oder Erkrankung identifiziert, dann kommen die Methoden der Behandlung zum Einsatz.

Die TCM nutzt Akupunktur, Moxibustion, Diätetik, Kräuterheilkunde, Chiropraktik, Massage, Schröpfkopftherapie, Qi-Gong, Tai Ji Quan sowie Sonderformen der genannten Methoden.

Diagnose und Behandlung sollte Fachleuten vorbehalten bleiben. Um selbst etwas für sich zu tun, seine Disharmonien und Blockaden zu regeln, bietet sich TJQ an.

Tai Qi Quan (Praxis und Wirkungen)

Die TJQ-Praxis hilft uns eine innere und äussere Haltungsstruktur zu finden, bei der alle Gelenke und Leitbahnen geöffnet werden und die vitalen Substanzen frei fließen können. Die millimetergenauen Korrekturen durch unsere/n TJQ-LererIn helfen uns, sensibel zu werden für unseren Körper und unsere Energie und dessen Wirkmechanismen. Auch wenn wir die Wirkmechanismen nicht im Detail kennen, spüren wir, ob wir auf dem richtigen Weg sind. TJQ ist an sich selbst praktizierte Gesundheits- und Lebenspflege, dessen Vermittlung eines verständigen Lehrers bedarf, und somit die Arbeit eines TCM-Therapeuten ergänzen kann.


Abb. 5

Durch unser tägliches TJQ-Üben reinigen wir unsere Energie und füllen sie auf. Jeder hat wohl nach der “Stehenden Säule” seinen Schutz-Qi-Mantel (Wei Qi) wahrgenommen. Bei den meisten Menschen, die mit TJQ beginnen, sind Yin + Yang nicht in Harmonie, was sich zunächst aus Haltungsfehlern und der mitgebrachten Konstitution ergibt. Es heißt unten fest und oben leicht. Oft ist es aber so, daß unser Zentrum anstatt des unteren Dantian Kopf oder Herz sind. Unser Körperschwerpunkt ist damit zu weit oben, wir haben keine Wurzel und sind den Äusserungen von Verstand und Emotion wie ein Ping Pong Ball ausgeliefert. Ich nenne das eine “Yang-lastige Konstitution” (s. Abb. 5).


Abb. 6

Mit dem Umsetzen der TJQ spezifischen Haltungsstruktur können Kopf und Brust leer, der Unterbauch voll werden und das Verwurzeln mit der Erde erreicht werden. Äusserst wichtig für das Öffnen nach unten ist die Korrektur des Beckens und der Hüfte (s. Abb. 6).

Die zunächst Yang-lastige Konstitution kann sich harmonisieren. Dem gegenüber steht die Yin-lastige Konstitution, wobei die Energie zu stark nach unten ausgerichtet ist, was ein Einfallen, Kollabieren der Haltungsstruktur zur Folge hat. Es mangelt an Yang. Wie in der TCM suchen wir eine Harmonie von Yin + Yang in immer feineren Abstufungen. Aber das klappt nicht auf Knopfdruck. Wollen wir TJQ als Medizin nutzen, so ist es eine Medizin, die wir täglich einnehmen müssen, “wie sollte es auch anders sein”. Diese Medizin schmeckt natürlich auch bitter. Das heißt, daß wir mit Beginn unserer Übungspraxis die unterschiedlichsten “Zipperlein” durchlaufen.

In der “Stehenden Säule” z.B. werden wir neben den Spannungsschmerzen eine ganze Palette von Empfindungen durchlaufen. So sind Taubheit/Erstarrung, Kribbeln, Schmerzen, Wärme, Schwanken und Asymmetrie in den ersten Wochen fast allgemeine Empfindungen, bis sich nach ca. 6 Wochen täglicher Übungszeit Wohlbefinden und Entspannung einstellen. Bei anhaltendem Unwohlsein oder Schmerzen kann die Ursache eine Rippen-, Wirbel-, Beckenfehlstellung sein, was der Therapie eines Fachmannes bedarf. Im Laufe der Übungszeit vertieft sich unser Energieverständnis und die Wirkung, die sich nach und nach auch auf psychischer Ebene zeigt. Gute Korrekturen beseitigen tiefliegende Blockaden die sich oft auf emotionaler Ebene zeigen.

Bei einem “Yin-lastigen” Teilnehmer in einem meiner Kurse äusserte sich die Harmonisierung zu Yang hin dadurch, daß er anfing, seiner Schwiegermutter Paroli zu bieten. Er kam allerdings nach einiger Zeit sichtlich genervt und fragte, ob das denn auch wieder aufhöre. Früher hätte er doch mehr Ruhe in der Familie gehabt. Sein Problem legte sich im Laufe der Zeit mit zunehmender Übungspraxis.

Durch die Standmeditation entwickeln wir Verständnis für eine korrigierte Haltung und wir programmieren unsere alte Haltung um. Haltungskorrektur bewirkt Muskel-Sehnen Entspannung, Muskel-Sehnen-Entspannung bewirkt innere Ruhe. Sehr oft verschwinden dabei auch die Rückenschmerzen, die uns so plagten. Durch die Can Si Gong- und Formenübungen mit den Spiralbewegungen aktivieren wir den Fluss der Energie und Qi und Blut fliessen frei, das Großhirn harmonisiert sich, wir bekommen mehr Sauerstoff. Durch den Einsatz des Unterbauches findet eine Reinigung und Immunstimulation durch die sanfte Darmmassage statt. Zum “arbeiten mit dem Unterbauch” findet sich interessante Information in der bei uns kontrovers geführten Diskussion um das Bauchhirn. Dabei geht es um jede Menge Nervenzellen, welche die Darmwände vernetzt umhüllen und ungeahnt wichtige Funktionen in unserem Organismus bewirken.

Taijiquan aus der Sicht der TCM

Sehen wir die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen des TJQ als Balance von Yin + Yang, Harmonisierung von Qi und Xue (Energie und Blut), Durchgängigkeit der Meridiane und Kultivierung von Zhen Qi (wahres Qi), so erkennen wir die Einbettung des TJQ in die TCM.
Die wichtigsten Aspekte der gemeinsamen Grundlagen aller inneren Übungen der TCM lassen sich in 6 Punkten zusammenfassen:

  • Entspannung, Ruhe und Natürlichkeit
  • Vorstellungskraft und Qi folgen einander
  • Bewegung und Ruhe gehören zusammen
  • oben leicht und unten fest
  • das richtige Maß
  • Schritt für Schritt

Die Mechanismen des TJQ erläutert die TCM mit dem primären Versuch des Organismus Mensch, die nicht enden wollenden Gegensätze zwischen ihm selbst und seiner Umwelt auszugleichen. Um die biologischen Prozesse in Gang zu halten, steht der menschliche Organismus durch Austausch von Materie in enger Beziehung zu seiner Umwelt, zum anderen laufen im Inneren des Körpers in allen Organen und Funktionskreisläufen Stoffwechselprozesse ab. Die TCM ist der Meinung, daß derartige biologische Prozesse durch die innere Transformation von Qi (Qi Hua) bewirkt werden. Die Wirkung von TJQ besteht nun darin, Lernen mit Nutzung der Übungsaspekte Körperhaltung, Atmung und dem “Bewahren der Vorstellungskraft” (Yi Shou) die Transformation von Qi zu verstärken. Die verstärkte Qi Transformation kann im Organismus die Balance von Yin + Yang, die Harmonisierung von Qi und Blut, die Durchgängigkeit der Meridiane und die Kultivierung des wahren Qi bewirken.

Gerhard Milbrat

Warum Vögel nicht von der Stange fallen

Warum Vögel nicht von der Stange fallen

Die Bedeutung der Hüften für Gleichgewicht und Gesundheit

Wir Taiji Quan Praktizierenden leben doch in einer spannenden Zeit. Einerseits kommt immer mehr Know How über Taiji Quan in unser Land, zum anderen gibt es Erkenntnisse und Theorien, die auch fürs Taiji Quan interessant sind, seitens moderner Wissenschaft. Da wird um das Bauchhirn diskutiert, da man auf den Darmwänden mehr Nervenverbindungen als im gesamten Rückenmark festgestellt hat. Die Biophotonenforschung von Prof. Popp beleuchtet die Lebensenergie. Der US-Physiologe Guang-Yue vom Lerner Research Institut Cleveland hat nachgewiesen, dass Muskeln sich allein mit der Kraft des Geistes kräftigen lassen. Bei einem Test mussten sich mehrere Probanden in Gedanken regelmäßig darauf konzentrieren, wie es wäre, wenn sie bestimmte Muskelpartien ihres Körpers trainieren. Nach einer Woche hatte die Masse der lediglich meditativ bewegten Muskeln im bis zu 15% zugenommen. Die motorischen Neuronen in unseren Nerven, welche die Muskelbewegungen auslösen, lassen sich durch starke Impulse vom Gehirn stimulieren. Ornithologen entdeckten ein 2tes Gleichgewichtszentrum bei Vögeln, welches in den Hüften lokalisiert wurde und letztlich den Vögeln helfen soll, “nicht von der Stange zu fallen”.

All das ist für uns Taiji Quan Übende nichts neues. Im Bauch sein, aus ihm heraus die Bewegungen steuern und die Lebensenergie Qi mit Achtsamkeit lenken. Den Hüften, bzw. der Hüftstellung kommt beim Umsetzen der Taiji Quan Prinzipien eine zentrale Bedeutung zu. In den Hüften finden wir unser Gleichgewicht.

Zum einen dienen die beiden Hüftknochen mit dem Kreuzbein der Wirbelsäule als Fundament, die wiederum mit dem Kopf unsere senkrechte Körperachse bildet. Andererseits sind die Hüftgelenke die “Schaltstellen” der Verwurzelung in die Erde. Über die Ausrichtung der Hüfte/Becken und Wirbelsäule arbeiten wir auf der Grundlage der Entspannung an unserer Struktur, um Energie frei fließen zu lassen. Auf dem Weg der Perfektion treffen wir oft auf Hindernisse. Hier können wir nicht richtig entspannen, dort sind wir verspannt, sind emotional nicht in Balance oder leiden unter anderem an “Unpässlichkeiten”, Schmerzen oder gar Krankheiten.

Anpassung an die Fehlhaltung

Die W.H.O. geht von 70% Wirbelsäulenfehlstellung aus. Weit mehr Menschen leiden unter einer Fehlstellung der Hüftknochen/Becken. Um die daraus resultierenden Konsequenzen und den dahinterliegenden Mechanismus zu verdeutlichen, möchte ich etwas weiter ausholen und auf folgende Gründe genauer einzugehen:


Abb. 1

Eine Fehlstellung der Hüfte/Becken bringt die Körperlängsachse aus dem Lot (Abb. 1). Der menschliche Organismus wird dieses “aus dem Lot sein” versuchen auszugleichen. Die Schiefstellung überträgt sich in den Oberkörper und es folgt eine Herausforderung über das Gleichgewichtsorgan in den Ohren an das Kleinhirn, den Kopf unter allen Umständen wieder senkrecht zu stellen. Das Kleinhirn hat nur eine Chance, die Senkrechtstellung des Kopfes zu bewirken: die bewegliche Wirbelsäule muss in ihrer Ausrichtung so verändert werden, damit der Kopf trotz Schiefstellung des Beckens eine Senkrechtposition einnimmt. Die ochotone Muskulatur macht es möglich, jeden einzelnen Wirbel unabhängig zu bewegen (siehe Chan Mi Gong Basisübungen). Das Kleinhirn erteilt quasi einen Dauerauftrag für Kontraktion bzw. unnormale Entspannung an die rechts und links des Wirbelkörpers liegende Muskulatur. Der so entstehende “Verkantungsdruck” verschiebt die zwischen den Wirbelkörpern liegende Bandscheibe mit ihrem Gallertkern.


Abb. 2

Der stehende Körper eines Menschen kann sich auf der ganzen Länge der Wirbelsäule genau dem Schiefstand des Beckens bzw. der Fehlstellung der Hüfte anpassen (Abb.s 2). Das Ergebnis wird, wenn die Fehlstellung nicht ausgeglichen wird, eine Skoliose sowie eine einseitige Belastung der gesamten Muskulatur sein. Steht das Becken schief, genügt ein einziger Befehl an die ochotone Muskulatur, auf die Innenseiten einer zukünftigen Skoliose sich so stark wie möglich zusammen zu ziehen und diese Position mit Hilfe des verschobenen Gallertkerns eisern zu halten.

Unser Gefäßsystem ist auf so etwas nicht eingerichtet, was ständigen Muskelkater oder Verspannungen im Rückenbereich auslöst. Der zusammengezogene Muskel verhärtet seine auf Beweglichkeit durch Verkürzung ausgerichtete Wirkweise auf ständige Verkürzung. Das Ergebnis ist eine Situation, wie sie ein Tischler mit “Schwalbenschwanz” bezeichnet, wenn er zwei Hölzer unlösbar miteinander verbinden will.
Das Lendenwirbelsysndrom z.B. resultiert nach meinen Erfahrungen zu 90% aus einer Hüftfehlstellung.

Auswirkungen auf das Skelett

Wie sieht das Skelett aus, nachdem es durch Anpassung an einen Beckenschiefstand wieder in eine tragbare Statik zurückgewonnen hat? Die infolge des Beckenschiefstandes schräg zur Senkrechten stehenden Ober- und Unterschenkel müssen in ihrer Position entscheidend mitverändert werden. Vor der dringend erforderlichen Muskelanspannung stehen sie in einer nicht tragfähigen Position. Die Druckverhältnisse in allen Gelenken verändern sich. Die Belastung drückt nun einseitig in den leicht verkanteten Gelenken.

Hüftgelenksarthrose, Kniegelenksarthrose, Rippenreizung, Rippenengstand, LWS-Syndrom, Schulterschmerzen, HWS-Syndrom, Tennisellenbogen, Migräne und Spannungskopfschmerzen sind die Folgen. Natürlich sind auch die Fußgelenke schief mit einseitige Belastung der Fußgewölbe. Um den Ausgleich zu halten, verändert sich nicht nur die ochotone Muskulatur der Wirbelsäule. Im gesamten Muskelsystem gibt es Veränderungen. Die Zugrichtung der Muskeln verändern sich. Die Hüftgelenke, ursprünglich fähig, bei jedem Schritt das siebenfache des Körpergewichtes zur Bewältigung aller Geländeformen infolge der Krümmung des Oberschenkelhalses mit einer riesigen Gelenkfläche zu tragen, haben nur noch einen einzigen Kontaktpunkt, auf dem die ganze Last ruht. Im Kniegelenk schließlich findet die “Abschlussanpassung” statt. Auch hier wird die Gesamtbelastung der ganzen Fläche aufgegeben zugunsten einer Punktbelastung auf der Kante. Unsere Kniegelenke sind schon ab 0,5 cm Beckenschiefstand gefährdet. Hier noch Bewegung zu empfehlen, ist vergleichbar mit Autofahren bei angezogener Handbremse

Auswirkungen auf Organe + Nervensystem

Doch die Folgen sind viel tiefgreifender und wirken sich auch organisch aus. Die Funktion der Organe hängt von der Steuerung über das vegetative Nervensystem vom Gehirn her ab. Übermitteln von Befehlen und Aktivitätsrückmeldungen zum Gehirn sind die Nerven des Vegetativum, die über das Rückenmark und die Zwischenwirbellöcher ihre Bahn zum Organ ziehen. Die Scheiden der Nerven sind so stark mit Energie geladen, dass sie eine Meldung mit der Geschwindigkeit einer Pistolenkugel (= 200 m/Sek.) weiterleiten. Jeder Nervensrang hat seine eigene Blutversorgung und Venen zur Entsorgung. Eine Störung der Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen im Gehirn und Rückenmark infolge einer Wirbelfehlstellung durch Skoliose, ausgehend vom Beckenschiefstand, bedeutet Fehlsteuerung und Fehlversorgung. Jede Art der Wirbelfehlstellung muss sich negativ auf das Vegetativum auswirken. Die Skoliose bewirkt eine Verengung der Wirbellöcher für den Austritt der Nerven. Fehlgesteuerte, fehlversorgte und fehlentsorgte Organe müssen krank werden.

Ursachen der Fehlstellung

Doch wie kommt es überhaupt zu einer Hüftfehlstellung/Beckenschiefstand, ist der ganze Becken/Hüftkreuzbeinbereich doch mit fast starren Bändern ausgestattet, um die Basis für die Wirbelsäule solide zu halten? Als akute Auslöser sind da zunächst Belastungen “gegen die Statik” zu nennen, wie sie z.B. bei körperlicher Arbeit mit Fehlhaltungen und Angewohnheiten mit Fehlbelastung auftraten. Der akute Beckenschiefstand lässt sich mit verschiedenen Methoden beheben. Anders verhält sich das bei dem Beckenschiefstand, den viele bei ihrer Geburt verpasst bekommen haben. Die Geburt läuft nachweislich seit 4000 Jahren in der gleichen uralten Technik ab. Erst seit kurzem setzen sich langsam neue Methoden durch. Traditionell hängt der Geburtshelfer das Baby an den Beinen auf, damit Schleim aus dem Mund nicht in die Lungen gelangen kann. Wenn das Baby schreit, ist alles in Ordnung. Schreit das Baby nicht, wir dein Bein losgelassen, um den bekannten Klaps auf den Po durchzuführen. Das Baby schreit. das Körpergewicht zieht das Becken schief. Die während der Geburt hormonell “eingeweichte” Sehnen und Bänder der Hüftknochen und des Kreuzbeins ermöglichen die Passage durch den Geburtskanal, die ein “starres Becken” wegen seiner Breite nicht schaffen kann. Nach der Geburt aber verfestigen sich diese Sehnen und Bänder wieder um eine solide Basis für die Wirbelsäule zu halten.

Die Auswirkungen für Taiji Quan

Eine synchrone Hüftstellung ermöglicht ein besseres Lösen und Sinken in die Erde, sowie ein Abspannen im Bauch, was eine freiere Dantian-Arbeit ermöglicht, äußere und innere Zusammenflüsse werden erfahrbar, weil das Gehirn wieder freie gewohnte Kapazitäten fürs Taiji Quan nutzen kann. Ist die Anpassungsveränderung an den Schiefstand auch nur gering, so bewirkt sie doch, dass Energiebahnen mit hohem Energiepotential umgeleitet werden und so z.B. Organe schädigen können. Eine tiefe Entspannung und Lösung, die Grundlage für innere Ruhe, wird auch durch kleinste Ausgleichsspannungen der Muskulatur gestört. Eine mögliche Störung der Sauerstoffzufuhr führt mindestens zu Achtsamkeitsdefiziten.

Ab einem bestimmten Zeitpunkt in unserer Taiji Quan Ausbildung wird ein Weiterkommen mit gesunder Hüftstellung die tieferen Aspekte unserer Kunst erfahrbar machen.

Therapien

Der deutsche Heilpraktiker Günter Thenee hat in den 70er Jahren eine Therapie zur dauerhaften Behebung eines Beckenschiefstandes entwickelt und maßgeblich den Lehrstoff in Hebammenschulen beeinflusst. Der 1917 geborene Japaner Kimiyoshi Isogai war einer der ersten wenigen Mediziner, die Ursache und Folgen einer Hüftfehlstellung klinisch erforschten. Öffentlich kaum wahrgenommen, entwickelte sich die Isogai Dynamik Therapie zum Geheimtipp unter östlichen Therapeuten. Die Übungen dazu sind einfach und in der Regel selbständig auszuführen.

Natürlich ist auch Taijiquan selbst eine Therapie und wir sind letztendlich aufgefordert, auch hier Eigenverantwortung zu übernehmen und neben dem “Was” oder “Wie” unseres Empfindens und Befindens auch nach dem “Warum” und “Woher” zu fragen und als Auslöser auch die Hüftstellung in Betracht zu ziehen.

Gerhard Milbrat

Taijiquan und Qigong als Beitrag zu ganzheitlicher Erziehung

Taijiquan und Qigong als Beitrag zu ganzheitlicher Erziehung

Eine beispielhafte Entwicklung

Während man selbst in Taijiquqn-Hochburgen wie Hamburg noch LehrerInnen antrifft, die so gut wie nichts von den chinesischen Bewegungskünsten wissen, gibt es andere Orte, an denen diese bereits erfolgreich Einzug in die Schulen halten. Gerhard Milbrat, der in Lüdinghausen eine Schule für chinesische Heil- und Bewegungskunst leitet berichtet von der zunehmenden Offenheit gegenüber ganzheitlichen Bewegungskonzepten, die auch durch neue Rahmenvorgaben für den Schulsport gefördert wird. Er und seine MitarbeiterInnen arbeiten mit verschiedenen Schulen zusammen und vermitteln dort vor allem im Rahmen des Sportunterrichts und von Projektwochen Elemente aus Taijiquan, Gongfu, Qigong und Tuina, aber auch aus der angewandten Kinesologie und der Edu-Kinesthetik. Der Ansatz ist pragmatisch, er soll den Kindern und Jugendlichen alltagstaugliche Kompetenzen vermitteln. Ein klares Regelwerk wie in den traditionellen Kampfkünsten erweist sich dabei als hilfreich.

In einer Publikation der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft heißt es: “Hibbelige, zappelige Kinder, krummbucklige Jugendliche, eingezwängt zwischen engen Tischreihen, platziert auf für die langen Beine viel zu niedrigen Stühlen, kleine Klassenräume für viele Schüler, zu wenig Bewegungsangebote in den Pausen, häufig ausfallender Sportunterricht. Da darf man sich nicht wundern, dass die Bewegungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen zunehmen. Darauf weisen nicht nur aktuelle Gesundheitsstudien hin. Schon bei der Einschulung stellen Amtsärzte fest, dass vielen Kindern gezielte Bewegungen schwer fallen. Doch Bewegungsmangel führt bei den Heranwachsenden nicht nur zu Haltungsschäden und motorischen Störungen, er wirkt sich auch negativ auf Lernen und Leistungen aus.” Aber es tut sich was, neue Schulformen und Schulstufen entwickeln sich und zielen auf ganzheitliche Erziehung. Und es wird immer mehr möglich, Taijiquan und Qigong in Schulen zu unterrichten und zu etablieren, etwa durch die neuen Rahmenvorgaben für den Schulsport.

Als pädagogische Leitidee des Schulsports wird folgender Doppelauftrag formuliert: Entwicklungsförderung durch Bewegung, Spiel und Sport sowie Erschließung der Bewegungs-, Spiel-, und Sportkultur.

Die Bewegungen, um die es im Schulsport geht, spiegeln immer auch soziale Bezüge, Emotionen, Motive, Wahrnehmungen sowie Wertvorstellungen wider. Insofern verdienen Unterrichts- und Erziehungsprozesse im Schulsport nachträglich das Attribut “ganzheitlich”, so das Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen in den Richtlinien für den Schulsport.

Bei einem Blick in die Geschichte der Pädagogik stellt man fest, dass sie den Menschen immer in der Dreiheit Geist-Psyche-Leib gesehen hat, aber meist eine einseitige Gewichtung vornahm. “Es ist eine Crux der Pädagogik schlechthin, dass sie Seelisch-Geistiges stets überbewertet, die Leiblichkeit oder Körperlichkeit höchstes als Transformator benützt und diese nicht als wesentlichen Inhalt von Erziehung anerkennt” (Fischer, 1981, zitiert nach: Ludwig Faltermeier: Sport macht lebendig. Serie Sonderpädagogische Praxis, Dürr Verlag).

Lernen geschieht aber nicht nur im Kopf. Nicht zuletzt die Kinesologen haben die Zusammenhänge von Bewegung, neuralen Vernetzungen und Lernen wissenschaftlich erforscht und Bewegungsübungen entwickelt, welche eine Synchronisation beider Gehirnhälften anstreben. Taiji- und Qigong-Übungen bieten Wege zur Mitte, zum Selbst, um vor allem das “innere Getrenntsein” zu überwinden.

Ein Starkes Dantian als Gegengewicht zu rauchenden Köpfen

Unser Alltagsbefinden und –verhalten ergibt sich in der Regel aus zwei Bereichen, ich nenne sie Erlebnisräume, nämlich Gedanken und Gefühlen, Logos und Emotionen. Wie bei einem Pingpong-Spiel spielen wir den Ball zwischen Kopf und Herz, unser Zentrum im Unterbauch wird vernachlässigt. Dieses Ungleichgewicht verursacht oder verstärkt viele der Probleme, denen wir bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen begegnen. Ist der Kopf zu voll, wird das Denken sehr anstrengend, Konzentration ist nahezu unmöglich. Eine Überfülle im emotionalen Bereich macht reizbar und aggressiv. In vielen Klassenzimmern herrscht alles andere als eine Lernatmosphäre. Zumindest Lernbehinderte oder verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche sind nicht ruhig, nicht aufmerksam und sind sehr störanfällig. Das Vermitteln von Übungen sollte den Situationen der SchülerInnen mit unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden.

Ob die SchülerInnen das Vermittelte annehmen, ist vor allem davon abhängig, wer unterrichtet. Können der Lehrer oder die Lehrerin Faszination und Motivation wecken? Sind die vermittelten Übungen alltagstauglich? Lassen sie sich als Regulativ auch im normalen Unterricht anwenden? Orientieren sie sich an der Lebenswirklichkeit der SchülerInnen? Kommen sie dem Bewegungsdrang der Kinder entgegen? Knüpfen sie an der Vorstellungswelt der Kinder an?

Unterschiedliche Schulformen wie Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschule, Gymnasium, Internat oder Sonderschulen für Kinder mit geistigen oder Lernbehinderungen machen unterschiedliche Strategien und Konzepte nötig. Frau Karin Göbel von der Ludgeri Grundschule Selm beispielsweise wendet in den verschiedenen Unterrichtsstunden Methoden aus der Edu-Kinesthetik, der Akupressur, aus Qigong und Taijiquan an, um die Kinder für sich, ihr Gegenüber, die Natur, das Leben zu sensibilisieren. Sie benutzt Phantasiereisen und Wahrnehmungsaufgaben, um in die Stille zu kommen und die Sinne der Kinder zu entwickeln. Thomas Vieth vom Kaiserin Augusta Gymnasium Köln installierte eine “Kung Fu AG”, um einen persönlichen Rahmen zu schaffen, in dem er und seine Schüler miteinander umgehen können, ohne die nötige Distanz zu verlieren.

“SchülerInnen werden offener und erzählen mehr über ihre Ängste und Probleme. Erlebtes kann so gut aufgegriffen werden und aufgearbeitet werden, so dass man das Konfliktverhalten der SchülerInnen positiv beeinflussen kann. SchülerInnen können aus ihrer Opfer- oder Täterrolle herausgeholt werden. Das Aufdecken von Stärken und Schwächen unterstützt die Identitätsfindung. Die Geschlechterförderung kann positiv beeinflusst werden, da falsche ‚Geschlechterrollen’ hinterfragt werden”, so Thomas Vieth.

Oft muss man Übungen teilnehmergerecht verändern, damit sie überhaupt angenommen werden können. In einer Klasse mit lernbehinderten Kindern etwa wurden bunte Tücher zu Hilfe genommen, um mit den Armen kreisende Bewegungen auszuführen. Im Kreis aufstellen? Gar nicht so einfach umzusetzen. Also fassen wir uns bei den Händen, um so etwas wie einen Kreis hinzubekommen. Das Lehrpersonal ist hier aufgefordert mit Fingerspitzengefühl zur rechten Zeit eine geeignete Übung anzubieten und in der richtigen Sprache zu vermitteln

Körperbewusstsein und soziale Kompetenzen entwickeln

Die Zielvorgaben für ganzheitliche Erziehung an den Schulen sind individuell gewichtet, beinhalten jedoch meist: allgemeine Bewegungsschulung, Koordination von Bewegungen, Konzentrationsförderung, Steigerung des Selbstwertgefühls, zur Ruhe kommen beziehungsweise Ruhe ertragen, in der Gruppe zu lernen, partnerschaftlich und höflich miteinander umzugehen. Sozialverhalten und Sozialkontakte zu entwickeln.

Taijiquan und Qigong entsprechen diesen Zielsetzungen und sind zudem sehr kostengünstig, da keine speziellen Sportgeräte oder Räume benötigt werden.

Insbesondere Partnerübungen erfüllen die Anforderungen der neuen Richtlinien. Bei der Begegnung mit direktem Körperkontakt wie beim Tuishou, aber auch im Judo, Ringen oder Sumo, steht das Miteinander im Vordergrund. Kinder und Jugendliche haben das Bedürfnis zu rangeln und ihre Kräfte zu messen. Dies ist für die psychische, soziale und körperliche Entwicklung bedeutsam. Zum Beispiel verhelfen freie Tuishou-Übungen gerade körperlich Schwächeren zu Erfolgserlebnissen, was sich positiv auf das Selbstwertgefühl auswirkt.

Im Miteinander kann sich Respekt den anderen gegenüber entwickeln und der Körper erhält Wachstumsstimulationen. Viele Techniken aus den normierten Zweikampfsportarten müssen zunächst kooperativ unter besonderer Betonung der gegenseitigen Verantwortung gelernt und geübt werden. Das setzt umfangreiche Verständnisprozesse voraus. Das Spüren von Emotionen der PartnerInnen wie Angst, Siegeswille oder Fürsorge erfordert in besonderem Maße Einfühlungsvermögen.

Häufige Partnerübungen und Zweikämpfe bauen Berührungsängste ab und fördern die Akzeptanz des eigenen Körpers, was vor allem in der Pubertät bedeutsam ist. Dafür bieten sich Unterrichtsvorgaben an wie “spielend kämpfen”, “sich im Zweikampf erfahren”, “sich fallen lassen und gehalten werden”, “kooperative Lösungen in Zweikampfsituationen entwickeln und im kontrollierten Wettkampf anwenden”.

Lebendiges Verständnis von Yin und Yang

Eine Übung, die ich Augenschulung nenne, lässt einen Partner Schläge zum Gegenüber ausführen, welche der oder die andere “fangen” soll. Der “Schläger” beziehungsweise die “Schlägerin” ist aber LehrerIn des “Fängers” beziehungsweise der “Fängerin”. Das heißt, dass der Schläger seine Schläge den Reaktionsfähigkeiten des Fänger anpasst. Das Kind, das fängt, wird nicht überfordert, es bekommt ein gutes Gefühl, weil es ja fangen kann. Das Kind das schlägt, lernt sich zu kontrollieren und zurückzunehmen. Zudem kann es seine “Schülerin” oder seinen “Schüler” zu besseren “Leistungen” führen. indem es kontrolliert schneller schlägt.

Unterricht von Taijiquan und Qigong muss sich nicht nur auf den Schulsport beziehen. So konnte ich die Essenz diese Künste auch im Biologie-, Religions- oder Physikunterricht als geladener Dozent vermitteln. Das Yin/Yang-Denkmodell bietet viele Möglichkeiten beispielsweise biologische Vorgänge zu erklären: Ein- und Ausatmen, arterieller und venöser Blutkreislauf, Herzschlag, Stoffwechsel und Verdauung, Wach- und Schlafzustand. Das “In-die-Ruhe-Eintreten” oder das Herz beruhigen zeigen viele Parallelen zum Gebet. Das “Dao der Physik” wurde von Friedjof Capra in seinem gleichnamigen Buch detailliert beschrieben.

Mit einigen Klassen findet ein mehrjähriger Austausch statt. Mal gehe ich in die Klassen, ein anderes Mal besuchen die Klassen mich im Institut für chinesische Heil- und Bewegungskunst. Viele, die bei mir gelernt haben, sind mittlerweile LehrerInnen an verschiedenen Schulformen und integrieren Übungen in ihren regulären Unterricht. Sind die SchülerInnen zum Beispiel unruhig und aufgekratzt, gelingt es ihnen mit entsprechenden Übungen Ruhe einkehren zu lassen oder entgegengesetzt neue Vitalität zu wecken.

Klare Orientierung durch Rituale und Traditionen

Taijiquan und Qigong an Schulen ist kein neues Phänomen. Weltweit werden Taijiquan und Qigong als Wege benutzt, um ganzheitliche Erziehung umzusetzen. Erfahrungsberichte unter anderem aus den USA, China, Deutschland und Korea zeigen, wie wertvoll klassische Übungssysteme in der Anwendung in unserer modernen Zeit mit ihren Problemen sind. Taijiquan und Qigong sind physisch und mental herausfordernd und effektive Methoden zur Stressabbau.

Bewegungen wie im Taijiquan langsam und kontrolliert auszuführen stellt eine große Anforderung an Ungeübte dar. Der Körper als “Boot” und der Geist als “Steuermann” lernen zusammenzuarbeiten. Das “In-den-Bauch-Fließen” schafft Raum in Kopf und Brust, wir werden ruhige. Kinder und Jugendliche erfahren großen Strass in der Schule, in der Famile und in anderen persönlichen Beziehungen. Stress ist bekanntermaßen eine Ursache für psychosomatische Erkrankungen und auch Lerndefizite.

Taijiquan als klassische Kampfkunst beinhaltet eine Vielzahl anwendbarer Inhalte für den Unterricht an Schulen. Gerade Kinder sprechen sehr gut auf die Wirkungen von Taijiquan und Qigong an. Um diese Künste zur vermitteln, sollten feste Rituale beim gemeinsamen Üben installiert werden. Gerade bei lernbehinderten SchülerInnen führt die Orientierung an Ritualen zu den eigentlichen Übungen hin. Der Unterricht, den ich mit meinen MitarbeiterInnen durchführe, orientiert sich stark an den Regeln der traditionellen Kampfkunstschulung, worauf Kinder und Jugendliche gut ansprechen. Geduld, Fleiß, Bescheidenheit, Höflichkeit, Ausdauer, Respekt, Mitgefühl, Achtsamkeit, Ernsthaftigkeit, Disziplin, Loyalität sind einige der traditionellen Zielsetzungen.

Wichtig ist, die Regeln sowie deren Bedeutungen und Zielsetzungen den jungen Menschen zu erklären und deren Einverständnis einzufordern. Warum grüßen wir die Übungshalle an? Warum stellen wir uns in Reih und Glied auf? Warum sprechen wir während der Übungen nicht miteinander? Erkennen die SchülerInnen, dass es kein militärischer Drill ist, der sie in Reih und Glied stehen lässt, sondern der Achtsamkeit und der Selbstdisziplin sowie der besseren Übersicht dient, achten sie gerne darauf, ihren Platz zu finden.

Vielfältige Methoden werden genutzt

Die vermittelten Übungen entstammen dem Taijiquan, dem Gottesanbeterinnen-Gongfu und dem Qigong. Zudem fließen Methoden aus der angewandten Kinesologie, der Edu-Kinestetik, Tuina sowie Atemschulung in den Unterricht ein. Durch unsere Kooperation mit der Kreispolizeibehörde erhalten wir Material zu den Themen Gewalt, Mobbing, Selbstbehauptung und Konflikttraining, auf deren Grundlage wir Gespräche und Rollenspiele durchführen.

Eine Unterrichtseinheit von anderthalb Stunden enthält immer spielerisches Auflockern, Dehnung und Gymnastik, Koordinationsübungen, Reflextraining, Seh- und Tastschulung, Partnerübungen, Zweikampfübungen, Atem- und Meditationsübungen sowie Zeiten zum miteinander Sprechen. Bei allem Anspruch sollen Spaß und Spiel nicht zu kurz kommen. Kurze Vorträge in regelmäßigen Abständen in Kursen, die im Institut laufen, sowie in den Schulen bieten ergänzendes Wissen beispielsweise über Medizin, Pflege des Lebens und Ernährung. An dem zusätzlich vermittelten Wissen lässt sich immer wieder gut anknüpfen.

Zur Optimierung unserer Arbeit zielen wir auf Vernetzung und Interaktion mit Schulen und Familien, was in einigen Fällen hervorragend funktioniert. Eltern geben Rückmeldungen zur Lernentwicklung und dem Verhalten der Kinder gegenüber Geschwistern, LehrerInnen bitten um Mithilfe zum Beispiel in Projektwochen.

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beinhaltet bei uns zusätzlich ständige eigene Fortbildung, regelmäßige Teambesprechungen und Supervision. Taijiquan und Qigong mit Kindern und Jugendlichen ist eine sich ständig wandelnde Arbeit, die allen Beteiligten Möglichkeiten der ganzheitlichen Entwicklung bietet.

Für mich ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sehr anregend und befriedigend, da die SchülerInnen recht schnell zu alltagstauglichen Ergebnissen kommen und ich ihre Entwicklung über Jahre begleiten darf. Taijiquan und Qigong fördern ihr Haltungs- und Bewegungsbewusstsein, harmonisieren Geist und Psyche, stärken emotional und körperlich und insbesondere das Rückgrad. Menschen ohne Rückgrad haben wir schon genug.

Gerhard Milbrat

Zhan Zhuang

Zhan Zhuang

Der Weg der Stehenden Säule

Stehen wie ein Baum, den Ball halten oder die Stehende Säule sind Benennungen einer Übung aus dem System des Zhan Zhuang, die schamanistischen und magischen Ursprungs zu sein scheint. Der Ursprung dieser Qi Gong-Methode liegt weit zurück in der Geschichte Chinas. Es gibt Hinweise auf diese Stehmeditation im Dao De Jing (dem grundlegenden daoistischen Werk, welches Laozi (ca. 600 v. Chr.) zugeschrieben wird). Laut Dao De Jing heisst es: „Alleine stehst du, unwandelbar und nimmst alle Geheimnisse wahr, gegenwärtig in jedem Augenblick und im unendlichen Fließen: Dies ist das Tor zu unbeschreiblichen Wundern“, im Buch des Gelben Kaisers (ca. 200-100 v. Chr.), dem Huangdineijing heisst es im Gespräch des Kaisers mit seinem Leibarzt: „Ich habe gehört, dass in alten Zeiten es geistige Wesen gegeben hat; sie standen zwischen Himmel und Erde und verbanden das Universum; sie verstanden das Yin + Yang und lenkten die Prinzipien der Natur; sie atmeten den Stoff des Lebens; sie versenkten sich bewegungslos in den Geist des Lebens und Sehnen und Fleisch waren eins“.

Für viele innere Kampfkünste wurde Zhan Zhuang zur grundlegenden Methode. Im Xing Yi Quan, welches in der Song Dynastie (1103-1142) von dem General Yue Fei und Yue Wu entwickelt worden sein soll, ist Zhan Zhuang eine Basis-Übung. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Zhan Zhuang im Peking der 40er Jahre durch Wang Xiangzhai, der das Da Chen Quan bzw. Yi Quan begründete.

In der heutigen Zeit bildet Zhan Zhuang die Grundlage der Kampfkünste Xing Yi Quan, Da Chen Quan bzw. Yi Quan und dem Taiji Quan.

Im System des Zhan Zhuang gibt es mehrere Standpositionen und Stile mit unterschiedlicher Durchführung und Zielsetzung. Folgende Standübungen (Zhan Zhuang Lei) werden heute noch praktiziert: Zhan Zhuang Gong, San Yuan Shi Zhan Zhuang Gong, Wuji Shi Qi Gong, Bai He Liang Chi Zhan Zhuang Fa, Tong Zhong Gong. Selbst in dem von mir neben dem Chen Taiji Quan praktizierten Gong Fu-Stil, dem Taiji Mei Hua Tang Lang Quan, findet sich in der Standübung der Gong Jia Da Ba Shi das Prinzip des Zhan Zhuang.

Für die Taiji Quan-Praktiker ist die Stehübung das Werkzeug schlechthin, um die Körperhaltung so zu strukturieren, dass alle Gelenke geöffnet sind, die Organe gelöst sind und die Lebensenergie Qi frei im Körper zirkulieren kann. Mit ihr arbeiten wir unsere Körperstruktur und Energievernetzung heraus, wobei das Untere Dantian (Xia Dantian) das elementare Zentrum ist und alle Korrekturen auf das Xia Dantian ausgerichtet sind. Das Prinzip der Stehenden Säule setzen wir in der Bewegungsform fort. Die Taiji-Form ist die Stehende Säule in Bewegung.

Oberes Dantian Shang Dantian
Mittleres Dantian Zhong Dantian
Unteres Dantian Xia Dantian
Hinteres Dantian Hou Dantian

Bei modernen westlichen Menschen ist die Zentrierung im Unterbauch nicht die Regel. Meistens haben wir eine Energiefülle im oberen Körperbereich: Im Kopf als Erlebnisraum für Gedankenaktivität und in der Brust als Erlebnisraum für emotionale Aktivität. Gedanken und Emotionen spielen zudem Ping Pong miteinander, der Körperschwerpunkt ist nach oben verlagert. Die Folgen der Energiefülle im oberen Bereich sind u.a. Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Sehstörungen; kurz – Stress im Kopf. Für den Brustbereich sind die Folgen u.a. Herz-Kreislauf-Beschwerden, Atemdysregulation, unsere Gefühle sind nicht zu bändigen, sie kontrollieren uns. Der grobstoffliche und feinstoffliche Körper ist aus dem Gleichgewicht, hat seine Mitte verloren.

5 Ebenen der Regulation

Mit dem Praktizieren der Stehübung durchlaufen unser Körper und Atem, unser Geist und Bewusstsein sowie unsere Lebensenergie eine tiefgreifende Regulation. Diese Regulation können wir in allen Qi Gong Methoden und inneren Kampkünsten wiederfinden. Die Stehübung vereinigt Körper und Geist und macht sie zu einem ausgewogenen Kraftfeld. Zhan Zhuang vermehrt die „3 Schätze“ Jing, Qi und Shen (Essenz, Energie und Geist). Energie, Blut, Sehnen und Knochen werden revitalisiert und das gesamte Energiesystem reorganisiert.

Zudem stärkt die Stehübung den Körper, alle Lebensfunktionen sowie innere (Nei Qi) und äussere (Wai Qi) Energie. Um Zhan Zhuang zu meistern, durchlaufen wir unterschiedliche Entwicklungsphasen.

5 Regulationen (Wu Tiao)

Regulation des Körpers Tiao Shen
Regulation der Atmung Tiao Xi
Regulation des Geistes Tiao Shen
Regulation des Bewusstseins + Vorstellung Tiao Xin
Regulation des Qi Tiao Qi

3 Phasen der Durchführung

Die Zhan Zhuang-Übung sollte man in drei Phasen einteilen: eine Vorbereitungsphase mit der Zielsetzung , oben und unten korrekt auszurichten, so gut zu entspannen wie möglich, den Geist zu beruhigen und die Energie im Unterbauch zu zentrieren. Bevor die Arme zur umarmenden Position auf Brustkorbhöhe gebracht werden, spricht man von Wuji Zhuang. In dieser Phase werden Entspannungsmethoden angewandt, wie z.B. 9 Entspannungen auf körperlicher Ebene und 3 Entspannungen auf geistiger Ebene, wobei Haut-Muskeln-Sehnen in 9 Regionen entspannt werden und der Mittelkanal vom Damm bis zum Scheitel gelöst bzw. geöffnet wird. Zweitens die Übungsphase mit der Zielsetzung, Himmel und Erde zu verbinden und die zentrierte Energie frei fließen zu lassen. Dazu zielen wir auf eine Haltungsstruktur, die dem Ausgleich von Yin und Yang Rechnung trägt. In der Abschlussphase wird die in Bewegung gebrachte und gestärkte Energie vor allem auch die äußere Energie, welche sich außerhalb unserer Arme gesammelt hat, zurück in den Unterbauch geführt.
Dafür gibt es unterschiedliche Abschlussübungen (Shou Gong). In der Methode nach Großmeister Chen Xiaowang werden beide Hände nach dem langsamen Absenken mit den Lao Gong Punkten in linearer Verbindung auf das untere Dantian gelegt. Das Ritual des Kreisens der drei Punkte, die zu einem verschmelzen, ist eine Möglichkeit, mehr Energie in den Unterbauch zu führen.

Entwicklungsphasen

In der 1. Phase erarbeitet der Praktiker seine äußere Haltungsstruktur. Er steht entspannt, am Scheitel wie aufgehängt, mit schulterweiten, parallel gestellten und tief verwurzelten Füßen, in den Knien leicht gebeugt. Die Augen sind zu 2/3 geschlossen. Die Wirbelsäule hängt im senkrechten Lot herab. Die Leisten sind gebeugt, als wenn man sich setzen wolle. Die Arme sind zum Brustkorb gehoben, als wenn ein großer Ball umarmt wird. Das Himmlische Auge bzw. das Obere Dantian zwischen den Augenbrauen ist gelöst und schaut ins Untere Dantian. Der Unterbauch ist das Zentrum. Der Qi Gong Meister Li Zhichang sagt: „Auf 3 Säulen ruhen wir, an 3 Fäden hängen wir, Dantian ist Mittelpunkt“. Hier kann man z.B. zunächst die ganze rechte Körperseite lösen und durchlässig machen, dann erarbeitet man so die linke, vordere und hintere Körperseite, um schließlich vom Scheitel bis zur Sohle den gesamten Körper zu lösen und durchlässig zu machen. Es scheint, als setze man sich in die gelöste Struktur.

Für viele ist diese Phase sehr schwierig und ohne Korrektur durch einen erfahrenen Lehrer ist schon hier ein Weiterkommen sehr unwahrscheinlich. Unser gesamter Halte- und Stützapparat hat im Laufe unseres Lebens eine Haltungsstruktur entwickelt, die durch uns bzw. unsere Angewohnheiten, Verletzungen, Psychotraumata, Charakterkonditionierungen und Sozialisierungen geprägt ist. Der Geist ist sehr unruhig.

Durch Üben von Zhan Zhuang werden diese Muster gelöscht und eine Struktur, die ein im Gleichgewichtsein zum Ziel hat, installiert. Die Übenden durchlaufen einen ganzheitlichen Transformationsprozess, der für viele bitter schmeckt. In den ersten Phasen wird auf der Ebene von Knochen-Sehnen-Muskeln geübt. Das heißt: Die Haltung und Ausrichtung des Skelettsystems wird verändert, die Sehnen- und Muskelbelastungen werden eingeübt. Der Übende ist damit beschäftigt, selbst seine Haltung und Spannungen zu regulieren. Er fühlt, lauscht in seinen Körper hinein, um Blockaden zu erkennen und zu lösen. Knochen, Muskeln und Sehnen sind diese korrigierte Haltung aber nicht gewohnt. Oft kommt das alte Haltungsmuster durch, Sehnen und Muskeln zittern, evtl. schmerzen Knochen (z.B. Kniegelenke). Die Alltagshaltung des modernen Menschen drückt u.a. kinetische bzw. Bewegungsenergie in den oberen Körper. Stehen mit durchgedrückten Knien führt zu schnellem Verschleiß von Knie- und Hüftgelenken sowie zur Degeneration der Bein- und Hüftmuskeln. Durch eine solche Stellung verspannt u.a. der untere Rücken. Eine Unterbauchentspannung ist fast nicht möglich. Energie wird in Brust und Kopf gedrückt. Die Folgen sind ein aus der Mitte, aus dem Gleichgewicht kommen mit allen Konsequenzen für Körper, Geist und Seele.

Wird Zhan Zhuang regelmäßig geübt, legen sich viele der Beschwerden beim Üben. Knochen, Muskeln und Sehnen haben sich an die ungewohnt veränderte Belastung angepasst. Die konzentrierte Aufmerksamkeit beim Ablauf der Übung hat dem Geist gezielte Aufgaben gestellt und so etwas gebändigt. Die Konzentrationsfähigkeit ist besser geworden. Man kann sich mehr anderen Aspekten des Zhan Zhuang zuwenden. Kann man auf der Haut-Muskel-Sehnen-Ebene wirklich entspannen und loslassen, stellt sich die Wahrnehmung des Energieflusses ein, die Korrektur durch einen Lehrer immer vorausgesetzt. Es gilt hier zu beachten, dass Vorstellung und Qi-Wahrnehmung getrennt bleiben! Die Eigenwahrnehmung der Übenden ist anfänglich zu subjektiv, um eine korrekte Haltungsposition einzunehmen und weiter zu erarbeiten. Nur durch Korrektur und tägliches Üben bekomme ich ein Gefühl dafür, in welche Richtung die Korrektur des Lehrers geht, bzw. welches Prinzip hinter den Korrekturen steht.

In dieser ersten Phase werden in der Regel allgemeine Missempfindungen sowie besondere Wahrnehmungen den Übenden widerfahren. Bis sich Wohlbefinden und Entspannung einstellen, können u.a. Empfindungen wie Erstarrung, Taubheit, Asymmetrie, Schmerzen, Wärme, Kühle, Schwanken beim Stehen, auftreten.

Prof. Yu Yongnian, ein Schüler von Wang Xiangzhai, 1920 in Dalian geboren, entwickelte die korrekte Anwendung des Zhan Zhuang bei verschiedenen Erkrankungen in chinesischen Hospitälern. Dabei erstellte er eine Liste, welche öfter auftretende Empfindungen und Wahrnehmungen in den ersten Übungswochen tabellarisch wiedergibt.
Hat man gelernt, die in etwa richtige Position einzunehmen und eine erste Umstrukturierung (Knochen-Muskeln-Sehnen) im wahrsten Sinne durchgestanden, kann der Taiji-Praktiker die äußeren 3 Harmonien (Wai San He) richtig vertiefen.

Wai San He

Jian Yu Kua He Schultern und Hüften verbinden sich
Zhou Yu Xi He Ellenbogen und Knie verbinden sich
Shou Yu Zu He Hand- und Fußgelenke verbinden sich

Am Ende der ersten Phase des Zhan Zhuang sollte es gelingen, Yin und Yang in Bezug auf oben und unten des Körpers auszugleichen, um die sogenannte Doppelte Gewichtung zu beseitigen d.h. durch das am Scheitel wie aufgehängt sein und nach unten lösen von Haut, Muskeln und Sehnen sinkt „das Schwere nach unten, das Leichte kann nach oben steigen“. Hierbei sollte die Aufmerksamkeit beim Üben zu 80% beim „das Schwere nach unten sinken lassen“ und zu 20% am Scheitel sein. Der menschliche Organismus bzw. sein Energiesystem wird in dieser Phase noch nicht soviel steigende Energien ertragen, zumal zunächst mit Absenken des Körperschwerpunktes ein Fundament für weitere Energiearbeit geschaffen werden muss. Dem Sinken des Yin widmet man zunächst 80%, dem Steigen des Yang zunächst 20%. Das kommt dem modernen Menschen entgegen, der in der Regel „oben voll und unten leer“ ist. Übende mit niedrigem Blutdruck und Neigung zur Ohnmacht können mehr auf den Yang-Aspekt achten.

Sind wir am Scheitel wie aufgehängt, nach unten entspannt/gelöst und im Unterbauch gesammelt, können die meisten ca. 20-30 Minuten stehen und fühlen sich relativ wohl. Sollten sich Schmerzen im Halte-Stützapparat hartnäckig halten, und auch durch die Korrekturen des Lehrers nicht verschwinden, macht es Sinn, einen Osteopath oder Chiropraktiker aufzusuchen, um Fehlstellungen von Becken, Hüfte, Wirbelsäule und Rippen zu korrigieren. In der ersten Phase dieser Übung sollten wir eine hohe, leicht gesetzte Position einnehmen und äußerlich nicht zu tief stehen. Muskulatur und Energielevel sollten Zeit zur Anpassung haben, damit kein Schaden entstehen kann.

Die 2. Phase unserer Entwicklung in der Stehenden Säule nutzen wir, um die Entspannung zu vertiefen. Nach Haut, Muskeln und Sehnen werden die inneren Organe gelöst, noch mehr schwerer Ballast kann absinken. Beim Absinken der Energien fließen 80% ins untere Dantian, 20% weiter durch die Beine bis zu den Füßen und in die Erde. Obwohl die Beine fast zu platzen scheinen, rührt dieser Effekt nicht ausschließlich von einer Energiefülle, sondern auch von den „schwereren“ Substanzen wie z.B. Blut, Lymphe, Gewebeflüssigkeit. Aber dies ist keine Einbahnstraße, zur absinkenden Energie kommt eine, durch die richtige Erdung aufsteigende Energie. Diese sollte zunächst zu 80% über das hintere Dantian (Hou Dantian=Ming Men) in die Nieren und zu 20% zum Scheitel fließen. Wie in Phase 1 kann man hier alle Körperseiten einzeln, dann gesamt, lösen, um schließlich auch die Haut zu lösen, als wenn man in alle Richtungen strahlt.

Die Betonung des Sammelns im unteren Dantian ist sinnvoll. Im Schmelztiegel des unteren Dantians, besonders wenn es uns gelingt, das Feuer des Herzens dorthin fließen zu lassen, werden alle negativen, verbrauchten Energien gereinigt und umgewandelt. Und von diesem Energiezentrum fließt die Energie wie durch „1000 Schläuche“ in den gesamten Organismus und strahlt über die gelöste Haut. Die Wahrnehmung des Fließens der Energie in der 1. Phase bekommt hier eine neue Dimension. Der Weg dahin ist aber recht schwer, viele scheitern in dieser Phase. Das Lösen der inneren Organe hat tiefgreifende Konsequenzen. Altes Psychogepäck, Verdrängtes, Unverarbeitetes löst sich aus unseren Tiefen. Kaum kann man sich selbst Aushalten. Schnell greift man wieder nach bewährten “Festhaltemustern“. Soll dies keine Grenze in der Vertiefung der Stehenden Säule sein, können ein verständiger Lehrer, ein Gesprächstherapeut, ein Osteopath oder Chiropraktiker helfen. Unsere Haltung ist Ausdruck und Spiegel unseres Selbst. Durch die immer besser werdende Lösung und Entspannung  unseres Körpers sollte die innere Energie und die Energieaura stärker geworden sein, der innere Energiezusammenschluss und Fluss, die energetische Verbindung mit unten und oben, rechts und links, vorn und hinten wird intensiver. D.h. wir können die Verbindung mit „außen“ ausarbeiten.

Bezogen sich in der 1. Phase die Wahrnehmungen und Empfindungen vorwiegend auf körperliche Symptome, können mit dem letzten Drittel der 1. Phase immer mehr psycho-vegetative Dysbalancen bis zum Meistern der 2. Phase in den Vordergrund treten. Hier sei wieder auf die Bedeutung einer Betreuung durch einen erfahrenen Lehrer hingewiesen! In der 2. Phase müssen auch kleinste Ungenauigkeiten in der Spannungsbalance von Muskeln, Sehnen, Knochen und Organe korrigiert werden. Man kommt seinem eigentlichen Selbst immer näher. Zhan Zhuang bekommt hier eine psychotherapeutische Wirkung. Für den Taiji-Praktizierenden sollten hier auch die 3 inneren Zusammenflüsse bzw. die inneren 3 Harmonien (Nei San He) korrekt installiert sein.

Nei San He

Xin Yu Yi He Das Herz verbindet sich mit der Aufmerksamkeit
Qi Yu Li He Die Energie verbindet sich mit der Kraft
Jin Yu Gu He Die Sehnen verbinden sich mit den Knochen

In der 2. Phase sollte der Zustand Ru Jing (innere Ruhe) längere Zeit gehalten werden können, selbst wenn Ablenkungen auftreten, wie z.B. Telefonklingeln oder manchmal auch nur eine Mücke. „Wir stehen gesunken, ruhig und zentriert, alles ist eins, da kommt ein Tiger in den Raum“ sagt Großmeister Chen Xiaowang.

Jetzt sollte die Standposition tief entspannt mit geöffneten Gelenken und Energieleitbahnen sowie mit aus dem Zentrum heraus frei fließendem Qi über 30-40 Minuten gehalten werden können. Oftmals werden in dieser Phase verschiedene Atemtechniken sowie unterschiedliche Imaginationen durchgeführt, z.B. Energie aus Bäumen aufnehmen, Gegenbauch-, Haut-, Knochenatmung. Jetzt sollte das Qi-Potenzial durch regelmäßige Praxis erhöht sein. Hier beginnt die eigentliche Transformationsphase.

Mit Beginn der 3. Phase ist der Übende in einem wirklich tranceähnlichen Zustand, wo er alle aktiven Vorstellungen unterlässt. Das Alltagsbewusstsein ist immer mehr in den Hintergrund getreten. Seine beobachtende Funktion ist vollends erloschen. Jedes bewusste Gefühl für sich selbst, ja sogar für Zeit und Raum, verliert sich. In diesem Zustand ist stundenlanges Stehen möglich.

Die 3. Phase eröffnet dem Praktizierenden die volle spirituelle Tiefe, fern ab von allem Dogma und Methoden. Hier muss selbst die Methode, die uns bis hierhin gebracht hat, wie ein Werkzeug nach getaner Arbeit aus der Hand gelegt werden.
Mit einer spirituellen Ausrichtung dieser Übung kamen wir in den ersten zwei Phasen durch unsere Erfahrung mit der Übung zu einigen Erkenntnissen, jetzt in der 3. Phase können wir zur Erleuchtung gelangen.

Mit der Zhan Zhuang-Übung steht uns eine Übung zur Verfügung, welche seit tausenden von Jahren durch ihre umfassende, stärkende, harmonisierende Wirkung von Meistern verschiedenster Systeme hoch geschätzt wird. Die Stehende Säule ist u.a. wie eine energetische Dusche mit stark reinigender und stärkender Wirkung. Hier gilt: „Wer sich waschen will, muss sich auch nass machen“.

Die Wirkungen des Zhan Zhuang sind bei sachgerechter Anleitung durch einen Lehrer und richtigem Üben in einigen Wochen bis Monaten spürbar. Ist man bereit, die volle Tiefe dieser Übung auszuschöpfen, ist es sicher ein bitterer, steiniger Weg, welcher jahrelanges Üben erfordert, aber zum Verschmelzen mit dem Geist der Natur führt. Die Übung der Stehenden Säule hat für jeden Anspruch etwas zu bieten. Für den Chen Taiji-Praktizierenden ist sie ein Werkzeug auf dem Weg zum Verständnis der Struktur in der Bewegungsform. Dafür hat Großmeister Chen Xiaowang die Inhalte dieser Übung ausschließlich auf das Taiji-Prinzip und die dazu nötige Körperstruktur und der daraus resultierenden Energiezentrierung und Vernetzung ausgearbeitet und in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts in das Übungsprogramm der Chen Familien aufgenommen.

Text: Gerhard Milbrat

Quellen-/Literaturempfehlung

Wong Kiew Kit/Die Kunst des Qi Gong
Lam Kam Chuen/Energie und Lebenskraft durch Qi Gong
Thomas Milanowski/Die magischen Körper-Geistübungen Chinas und deren Verbindung zum Schamanismus
Thomas Heise/Qi Gong in der VR China (Entwicklung, Theorie, Praxis)
Mantak Chia/Eisenhemd Chi Kung
Hrsg. Martina Darga/Xingming Guizhi-Das alchemistische Buch vom inneren Wesen und Lebensenergie
Ute Engelhart/Fu Qi Jing Yi Gung/Sima Chengzhen; Die klassische Tradition der Qi Übungen
Chen Xiaowang/Chen Family Taijiquan of China
Chen Shi Taijiquan Jing Xuan/Feng Zhiqiang: “The Chen Style Taijiquan Journal”

Faszination Schwert

Faszination Schwert

Das Schwert – die Waffe des Altertums

Das Schwert symbolisiert Stärke und Geschicklichkeit, Macht und Hoheit, Gerechtigkeit und Herrschaft. In fast jedem Reich war es das Zeichen der Staatsgewalt und hoher Ämter. Ein Schwert zu tragen war ein Privileg, das man sich oft erst verdienen musste. Keine andere Waffe wurde je zu klareren Zielen entworfen. Dies ist die Waffe des Altertums, die einzig und allein gegen Menschen entwickelt wurde und nicht von Jagdwaffen abstammt.

Viele Geschichten und Legenden sind überliefert über diese Waffe, die auch so manchen von uns fasziniert. Ebenso viele Geschichten und Legenden ranken um die Herstellung dieser königlichen Waffe. Bis in die Bereiche des Mystischen geht das geheimnisumwitterte Schmieden dieser Waffe, die auch in Europa ihre Fechtschulen, Duelle und Legenden hat.

Das Chinesische Schwert

Erste historische Beweise für eine Waffenherstellung aus anderem Material denn als Stein finden sich in der Zeit 2690-2590 vor Christus, der Zeit des Huang Di, dem Gelben Kaiser. Huang Di lies Schwerter aus Jade, Kupfer und Gold herstellen. Diese Zeit bildet den Anfang der metallurgischen Forschung für Waffenherstellung in China.

In der Zeit der Shang Dynastie (1751-1111 v. Chr.) kamen die ersten Bronze-Schwerter auf. In der folgenden Chou Dynastie (1111-221 v. Chr.) machte die Metallurgie fortschritte und härtere und schärfere Schwerter konnten hergestellt werden. Es folgte eine Zeit der Bürgerkriege, die als Frühling- und Herbstperiode oder als Zeit der kriegsführenden Staaten Geschichte schrieben. In dieser Zeit wurde den Schwertschmieden höchsten Respekt entgegen gebracht. Während der Han Dynastie (206 v. Chr.-220 n. Chr.) wurde der Vorgang der Eisenherstellung erstmals in dem Buch „Huai Nan Wan Hua Shu“ (Huai Nan´s tausend Handwerke), einem Buch der Metallurgie, beschrieben.

Aus der 3 Königreiche Periode bis zur nördlichen Chou Dynastie (Bei Choui 557-581 n. Chr.) ist wenig über die gebrauchten Waffen überliefert.
In der friedlichsten Zeit in Chinas Historie, der Sui- und Tang-Dynastie (581-907 n. Chr.) wurden eher die schönen Künste entwickelt und die Kriegskünste vernachlässigt.

907 n. Chr. wurde China in fünf Regionen geteilt, die als die Zeit der fünf Dynastien (Wu Dai 907-960 n. Chr.) bekannt wurde und in die vereinte Sung Dynastie (960-1279 n. Chr.) mündet. Die Sung Dynastie endete mit der Invasion der Mongolen, welche die Yuan Dynastie gründeten. Erst diese Mischung der Kulturen brachte weitere Entwicklung der Schwertstile.

Mit dem Sieg über die Mongolen 1368 gründete sich die Ming Dynastie (1368-1645). Schwerter aus Stahl wurden erst in der Ching Dynastie (1644-1911), welche die Manchus begründeten, hergestellt.

Die normalen chinesischen Schwerter, die heute im Handel sind, sind eher schlecht verarbeitet, eben Massenware und daher recht billig.Die Qualität der Klingen sind den historischen gegenüber gleichwertig bis überlegen! Obwohl auch heute noch Faszination von dieser Waffe ausgeht, ist das Wissen um die „Magie“ des Schwertes den meisten unbekannt. Das Schwert ist die erste Waffe, welche hergestellt wurde, um ausschließlich gegen Menschen eingesetzt zu werden. Später entwickelten sich in Europa auch „Jagdschwerter“. Diese wurden neben dem normalen Schwerteinsatz auch genutzt, um waidwundem Wild den „Fangstich“ zu setzen.

Das Schwert als Symbol

Auch in China war das Schwert Symbol der Würdenträger des Militärs. Nur Adlige durften es tragen. Die einfachen Soldaten waren mit dem Säbel (DAO) ausgerüstet.

Zivile Schwerter

Die ersten zivilen Schwerter (Wen-Jian) entwickelten sich in der Ming Dynastie (1368-1645). Im Gegensatz zum Militärischen Schwert (Wu-Jian) galt das Wen-Jian als weiblich, war kürzer und die Spitze (Feng) abgerundet. Das Aussehen jeder der beiden Schwertarten variierte sehr stark. Je nach Zeit, Schwertschulen, Schmieden und persönlicher Notwendigkeit entstanden unzählige Formen, die nach Feng Shui Aspekten angelegt, und/oder mit magischen Ritualen „erweckt“ wurden.

Das 7 Sterne Schwert

Das Qi Xing-Jian (7 Sterne Schwert) z.B. ist an der Klinge mit 7 Punkten/Knöpfen aus Kupfer besetzt, welche die Energie besser fließen lassen sollen und die Anordnung des Sternbildes des Großen Wagen darstellt. Die Punkte wurden mit einer in das Metall eingravierten Linie verbunden.

Andere Schwertarten

Verschiedene Fechtschulen verwendeten variabel geformt Klingen, wie z.B. das Schlangenschwert (She-Jian). Das Doppelschwert (Shuang-Jian) wurde meist von Frauen geführt. Weiter gibt es das Zweihandschwert (Shuang-Shou-Jian) oder das tückische gezahnte Schwert (Yu-Na-Jian), was auch als Giftzähne bezeichnet wird.

Das Militärische Schwert

Um auf dem Schlachtfeld bestehen zu können, waren die Kriegsschwerter viel schwerer und aus geschmiedetem Stahl. Es gibt Legenden, die besagen, dass manche Kämpfer bis 15 Kilo schwere Schwerter handhabten.

Hofschwerter

Um Würdenträger zu belohnen, schmiedete man während der Qing Dynastie (1644-1911) kleine Hofschwerter (Xiao Gong-Jian), auch Gerichtsschwerter genannt. Sie wurden auch fremden Reisenden als eine Art Pass angeboten. Mit etwas Glück kann man solche Hofschwerter heute noch im Antiquitätenhandel erstehen. Die wirklichen Klingen sind heute nur noch selten zu finden und haben Preise wie alte japanische Katana. Heute gibt es in China kaum noch Schmiedemeister, die das alte umfangreiche Wissen in sich vereinen, welches nötig ist, um „lebende Klingen“ zu schaffen.

Schnitt- und Stichwaffe

Der Umgang mit ihm wurde als sehr subtil betrachtet. In den alten Schulen war es verpönt, mit dem Schwert einfach zuzuschlagen, was man eher mit dem Säbel (als der eigentlichen Hiebwaffe) ausführte. Das Schwert galt als Schnitt- und Stichwaffe. Mit der Spitze das Schwertes versuchte man, präzise Schnitte an den Sehnen und Arterien der Gelenke oder des Halses anzubringen, da in der Schlacht die chinesischen Rüstungen eher leicht und gerade an den Gelenken Rüstungslücken hatten.

Die alten Meister versuchten den Gegner mit der rasierklingenscharfen Spitze zu ritzen, damit dieser verbluten musste. Die Spitze (Feng) war sehr dünn und scharf. Zum Griff hin wurde die Klinge dicker und konnte zum Schlagen, Schneiden und Blocken genutzt werden. In der alten Mythologie ist das Schwert dem Feuer zugeordnet.

Gerade oder gebogene Klingen

Um effektiver zu sein, erfordert der Umgang mit dem chinesischen Schwert kreisförmige, gelupfte Bewegungen, um Techniken optimal ausführen zu können. Gebogene Klingen dagegen können auf direktem, mehr linearem Weg eingesetzt werden, wie man bei Säbel- oder Katanentechniken gut erkennen kann.

Die Fechttechniken Chinas ähneln eher dem europäischen Degenfechten als dem Schwertfechten (welches mit 2 Händen geführt wurde). Chinas Zweihandschwertfechten entspricht dem 1 ½ Händer Europas (1 ½ Händer lässt den Gebrauch mit 1 oder 2 Händen zu).

Die Scheide

Grundsätzlich unterscheidet man 2 Arten der Scheide: die Gelehrten Scheide, welche aus Holz hergestellt wurde und um das Schwert gegen Nässe zu schützen, mit Schlangen- oder Krokodilhaut wasserdicht gemacht wurden. Der andere Scheiden-Typ ist die militärische Scheide, die aus Metall geformt härteren Kampfeinsatz wie z.B. Blöcke und Stöße erlaubte.

Die Schwerter, die heute im Gebrauch sind, entsprechen fast ausnahmslos dem Design der Ching Dynastie.

Nord-Süd Unterschiede

Nordchinesen sind in der Regel größer als die Südchinesen und die kulturellen Unterschiede von Nord und Süd resultieren in unterschiedlichen Schwertstrukturen und Techniken. Die Klinge des nördlichen Schwertes ist relativ lang und dünn, was Gewicht spart. Die Durchschnittslänge ist ca. 15 cm länger als die Armlänge. Das Parierstück ist nach vorne gebogen um die Waffe des Gegners festzusetzen. Nördliche Schwerstile sind offensiv bzw. angriffsorientiert und sind spezialisiert in lange und mittlere Distanz.

Die südlichen Schwerter dagegen sind kurz, armlang mit breiten, dicken Klingen. Die Parierstücke sind eher nach hinten gebogen um die Waffe des Gegners abgleiten zu lassen und um einen Konter in kurzer Distanz möglich zu machen. Südliche Schwertkampfkunststile sind eher defensiv und bevorzugen eine kurze bzw. mittlere Kampfdistanz.

Der Weg des Schwertes

In ganz China wurde der Weg des Schwertes hoch respektiert. Nicht nur wegen der Schwierigkeit des Erlernens der Techniken, sonder vor allem wegen der moralisch/ethischen und spirituellen Qualitäten, welche nötig waren, um die höchste Fertigkeit des Schwertkampfes zu entwickeln. Um eine seriöse Grundlage für die Schwertkampfausbildung zu haben, musste der Kampfkünstler zunächst andere „Kurzwaffen“ wie Säbel, Dolch … meistern, was eine lange Zeit der Vorbereitung erforderte. Ein Schwertmeister musste Willenskraft, Beharrlichkeit, Geduld und Ausdauer entwickeln um die langjährige Ausbildung durchzustehen. Das Schwert war eher eine defensive Waffe, was Strategien von Ruhe in Bewegung nötig machte. Eine solche Qualität war ohne Geduld, Gelassenheit und Tapferkeit nicht zu erreichen.

Schwertkämpfer praktizieren Meditation um die nötige innere Ruhe und Gelassenheit zu entwickeln. Zusätzlich half der Meister dem Schüler, Tugenden zu entwickeln, welche für den Weg des Schwertes notwendig waren. Die Entwicklung von Loyalität nahm eine zentrale Stellung ein. Loyalität zum Land, Meister, Eltern und Freunde, selbst mit der Konsequenz, sein Leben zu geben war nicht nur ein Lippenbekenntnis. Zusätzlich mussten Respekt, Demut und Rechtschaffenheit vom Schüler entwickelt werden um ein Meister des Schwertes zu sein.

Chinas Fechtkunst hat sich bis heute sein Charisma bewahrt, ist aber in der Breitenanwendung sehr verwässert. Sieht man bei einem Stock- oder Säbelkämpfer die Wirksamkeit der Waffe, so ist es beim Schwertfechten schwer zu erkennen, ob die Technik wirklich funktioniert. Klassische Schwertwege werden kaum noch vermittelt und eher im Hintergrund gepflegt. Die Faszination des Schwertes jedoch sorgt weltweit für den Erhalt und die Pflege der Schwertkunst.

Text: Gerhard Milbrat

Reise in die Stille

(01.10.2003 – 20.10.2003)

Taiji Quan Intensive im Land der Morgenstille

Sechs Personen hatten sich zur ersten Reise der WCTAG nach Südkorea ins „Land der Morgenstille“ aufgemacht. In Seoul gelandet, wurden wir von Gerhard herzlich in Empfang genommen, der mit den Mitarbeitern des Balgunvit Meditation Centers (WCTAK) für einen guten Transfer ins Hotel sorgte.

Drei aus der Gruppe waren schon acht Tage vorher losgeflogen. Sie hatten Gelegenheit, in Daegu  Dr. Park, Gerhards Lehrer in traditioneller chinesischer Medizin, zu treffen und unter seiner kundigen Führung über die Medizinstrasse zu bummeln und ein Museum für traditionelle Medizin zu besuchen.

Die ersten Tage in Seoul waren voller neuer Eindrücke. Allein das Essen war märchenhaft: der Tisch bog sich jedesmal unter den verschiedenen Speisen, die zu jeder Mahlzeit aufgetischt wurden. Der erste Besuch galt dem Tempel Bong un Sa, der als ruhige Oase mitten zwischen den Wolkenkratzern von Seoul liegt. Dort konnte jeder von uns einen Abrieb von einer Kalligraphie herstellen. Auch der Kaiserpalast vermittelte einen Eindruck der Machtentfaltung im alten Korea. Interessant waren auch ein Ausflug in eine traditionelle Sauna, wo man in Kleidung die einzelnen Räume betritt. Ein Bummel auf der Shoppingmeile Insadong gehörten natürlich ebenso zum Programm wie ruhige Momente bei einem Tempelritual oder im Teehaus. Training und Demonstration des kleinen Rahmens Xiaojia des Chen-Stiles im Balgunvit Meditation Center rundeten den ersten Teil unserer Reise ab.

Die Mitglieder der WCTAK nahmen sich alle Zeit und sorgten mit asiatischer Gastfreundschaft dafür, daß alles wunderbar organisiert war und reibungslos ablief!

Von der Hektik Seouls ging es in eine atemberaubende Bergwelt, mit klaren Flüssen, Felsformationen und Wasserfällen. Unter diesen Natureinflüssen, die täglichem Wandel unterworfen waren, begann unter der Leitung von Gerhard das intensive Training von Taiji Quan und Qigong. Meister Park, der Leiter des Balgunvit Centers, bot durch die Vermittlung der 12 grundlegenden Taiji Daoyin Übungen einen Einblick in den Kleinen Rahmen und eröffneten weitere Aspekte der Gelenköffnung, die wir in unseren Formen wiederentdecken konnten.

Öffnen der Menschlichkeit – Der Name des Zentrums, das in die herbstliche Farbenpracht eingebettet lag, war nicht nur eine Kalligraphie auf einem Stein am Eingang, sondern wurde täglich geübt. Das Taiji-Training in dieser atemberaubenden Landschaft begeisterte die ganze Gruppe mit einem neugewonnenen Naturerleben. So bekamen die morgendliche Stehende Säule am Fluß und auch die abendliche Sitzmeditation in dieser sehr klaren Bergluft eine andere Tiefe. Ruhe und Stille wirkten sich klärend auf den Geist aus. Ebenso der Wind, der mit seiner Kraft diese Gedanken in Erkenntnisse verwandelte. Bäume und Wald standen für uns sinnbildlich für die feste Verwurzelung und obere Leichtigkeit.

Der Fluß mit seiner konstanten Strömung symbolisierte Kraft, Plastizität und auch Weiterentwicklung. So fließt das Leben und ein Wassertropfen wird zu einem Augenblick der in seiner Einmaligkeit niemals wieder kommt. Die intensive Mittagssonne wärmte nicht nur den Körper, sondern auch das Herz von innen. Die Stabilität der Berge, mit ihrer klaren Struktur und Festigkeit bestätigten die Essenz der Stehenden Säule, die eigene Struktur zu wahren, ohne sich anzulehnen oder abzustützen, die Stabilität aus sich selbst heraus zu gewinnen. All diese Dinge verhalfen uns dazu, der eigenen Natürlichkeit ein Stück näher zu kommen.

Der gute Geist des Hauses war Baram, der uns bei all den kleinen Dingen des täglichen Lebens wie Einkaufen auf dem Markt bis zur Bedienung des Reiskochers mit grosser Umsicht und Aufmerksamkeit zur Seite stand. Das Kochen allerdings wurde von der Gruppe selbständig erledigt, wo sich alle mit ihren “Kochkünsten” einbringen konnten. Obwohl sich am Anfang alle noch nicht so gut kannten, entwickelte sich ein sehr harmonisches Miteinander, sodaß es trotz der angestrebten Stille immer etwas zu lachen gab.

Nach 12 Tagen intensiven Trainings ging es wieder zurück in die „Zivilisation“, allerdings mit einem Zwischenstop in einem buddhistischen Tempel, dessen Abt Gerhard bei seiner letzten Reise kennengelernt und eingeladen hatte. Bei unserer abendlichen Ankunft wurden wir mit einem fantastischen vegetarischen Essen begrüßt und genossen die absolute Stille, die an diesem Orte herrscht. Morgens um 4.30 rief die Glocke zum Morning Bell Chant, der uns durch seinen Rhythmus und die Harmonie der verschiedenen Stimmen alle mitriß.

Die Rückkehr nach Seoul mit seinen endlosen Staus und den Hochhäusern war ein deutlicher Kontrast zur vorher erlebten Stille der Natur. Letzte Einkäufe wurden erledigt und wieder etwas „Ordentliches“ gegessen: nach der doch eher spartanischen Ernährung in den Bergen gab es wieder Bulgalbi in Gerhards Stammrestaurant.
Sonntag morgen war es dann soweit: das Taxi brachte uns zur Kwangwoon University im Osten von Seoul, wo wir beim ersten Treffen der koreanischen Taiji-Organisationen, das vom Balgunvit Center organisiert worden war, Formen aus unserem Taiji Quan-System demonstrieren sollten. Die Choreographie Gerhards kombinierte Taiji Quan mit Kungfu, Waffenformen (Schwert, Säbel, Speer) und Anwendungen, die von der Gruppe gemeinsam umgesetzt wurde. Besonders faszinierend war die Vorführung des Zendance, der Elemente der indischen Tanzkunst mit der Haltung des Zen verband.

Ein wunderbares Abendessen, zu dem uns unsere koreanischen Freunde eingeladen hatten, rundete den Tag ab.

Unser Dank gilt vor allem Gerhard, der diese Reise durch die gute Organisation, seine vielfältigen Kontakte und seinen persönlichen Einsatz zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht hat.

Die Teilnehmer

Taiji Quan-Form als Werkzeug

Taiji Quan-Form als Werkzeug

zum Entwickeln der äußeren und inneren Struktur und Kräfte

Taiji Quan, eine alte chinesische Kampfkunst, hat sich in den letzten Jahren weltweit  verbreitet und etabliert. Millionen Menschen wissen „was“ sie üben, aber nur wenige erreichen ein praktisches Verständnis von Taiji Quan und wissen „wie“ sie üben sollten.

Zum einen liegt es sicherlich daran, dass die meisten Menschen persönliche Hindernisse mitbringen, die ein in die Essenz des Taiji Quan Eintauchen, verhindern. Diese Hindernisse resultieren aus dem mentalen, emotionalen und körperlichen Begebenheiten, welche jeder Mensch mit sich bringt.

Um diese Hindernisse besser verstehen zu können, müssen wir die Situation des modernen Menschen besser verstehen. Der Zeit- und Erfolgsdruck steigt stetig an, wir stehen unter Stress. Diesen verstärken wir mit „Multitasking“, dass heißt, zur gleichen Zeit beschäftigen wir uns mit mehreren Dingen. Z.B. Autofahren und Geschäfte übers Telefon abwickeln. In immer kürzerer Zeit erledigen wir immer mehr. Wir Menschen scheinen dies auch zu wollen um mehr Zeit herauszuarbeiten. Unsere Aktionsräume sind Kopf/Gedanken und Brust/Emotionen. Der Wechsel zwischen beiden gestaltet unser Leben.

Dabei verlieren wir unsere Mitte sowie unsere Wurzel/Bodenhaftung. Was bleibt, ist Sehnsucht und Suche nach Ruhe, Abspannung und ein in sich getragen sein. Der Zulauf nach sog. Esoterischen Methoden bestätigt diese Suche. Millionen Menschen suchen Ruhe, Mitte und Wurzel im Taiji Quan.

Zum anderen mangelt es oft am Verständnis der Lernmethode. Wenn ich von A nach B reisen möchte, wird es einfacher, das Ziel zu erreichen, wenn ich eine Karte habe. Beim Lernen von Taiji Quan wird diese sogar noch dringlicher. Beim Lernen von Taiji Quan verhält es sich so wie beim Schiessen. Bin ich beim Zielen einige Millimeter daneben, so bin ich am Ziel meterweit daneben. Das bedeutet, dass ich mich beim Lernen von Taiji Quan exakt an eine klare Lernmethode halten sollte und den Lehrer wirklich verstehen sollte. Kleinste Missverständnisse bergen das Potenzial, mich vom eigentlichen Ziel zu entfernen.

Beim Lernen von Taiji Quan verhält es sich so wie beim Schreiben lernen. Zunächst erlerne ich das ABC, um dann Worte und Sätze zu bilden. Mit der Grammatik vertiefe ich dann das Erlernte, um später zur freien Anwendung der Schriftsprache zu kommen.
Am Anfang stehen die so genannten Schönschreibübungen. Mein ABC sieht so aus wie das von meinem Nachbarn. Mit zunehmender Sicherheit und Geübtheit entwickele ich meine eigene Handschrift, das Geschriebene sollte aber noch lesbar sein.

Der Taiji Quan Übende wird also zuerst entspannen und still werden müssen. Um eine gute Qualität der Entspannung zu erreichen, wird er über Haltungskorrektur zur Muskel-Sehnen–Entspannung und weiter zur inneren Ruhe kommen müssen. Die äußere Haltungsstruktur ist eng mit der inneren Haltungsstruktur verknüpft. Die Übungen dazu sind Wuji Zhuang und Zhan Zhuang-Gong. Hierbei ist die individuelle Haltungskorrektur durch einen qualifizierten Lehrer unabdingbar. Ist der Halte-Stütz-Apparat so korrigiert, dass alle Gelenke geöffnet und alle Teile des Körpers auf das Untere Dan Tian im Unterbauch ausgerichtet sind, kann sich Qi im Dan Tian sammeln und von dort ausgehend, im gesamten Körper frei zirkulieren. Die Stehende Säule, die erste Übung des Zhan Zhuang-Gong dient dazu, diese Haltungsstruktur sowie innere Kraft zu entwickeln. Vor allem zentriert sich unser Qi im Unterbauch. Die Energiefülle aus dem Kopf/Gedanken und aus dem Brustkorb/Emotionen kann in den Unterbauch abfließen, d.h. Kopf und Brust werden leer. All unsere Sinne lauschen in dieser Phase des Lernens dabei nach innen. entspannten, gelösten Zustand können so innere Energien erst wahrgenommen werden. Unser Unteres Dan Tian wird somit zum Zentrum dieser Übung. Das Lernziel von Wuji Zhuang und Zhan Zhuang ist Entspannung, Stille, eine optimale Haltungsstruktur und die Konzentration von Qi im unteren DanTian.

Auf diesen Ergebnissen aufbauend, arbeiten wir bei folgender Übung, Can Si Gong, am bewussten Lenken des Qi mit einer klaren Unterscheidung der Yin und Yang Phasen. Die Haltungsstruktur, Ruhe und Verwurzelung werden hier bei einfachen, sich stets wiederholenden, Bewegungen erhalten, alle Bewegungen bleiben auf das Untere DanTian ausgerichtet.

Es ist wichtig, die Übergänge, die energetischen Wechsel von Yang zu Yin und umgekehrt, klar zu erarbeiten, um die energetische Qualität richtig nutzen und kontrollieren zu können.

Yin und Yang, zentripetal und zertifugal zu unterscheiden, gelingt recht einfach. Um das Verständnis von Taiji Quan zu vertiefen, ist es notwendig, Yin und Yang differenzierter zu unterscheiden (siehe 8 Trigramme das Yi Jing). So erkennen wir schon bei der 1. Reeling Silk Übung ein aufbauendes Yang und ein vollendetes Yang, ein aufbauendes Yin und ein vollendetes Yin. Schließlich und endlich sind die 2 Sets a 10 Übungen des Can Si Gong der energetische Schlüssel des Taiji Quan, um die innere Arbeit klar zu verstehen sowie das Dan Tian und Hüfte als Ursprung der Bewegung einzusetzen. Eine Fortsetzung mit komplexeren Bewegungsabläufen stellt die Taiji Form dar. Es gilt, die aufgebaute Haltungsstruktur und Dan Tian-Ausgerichtetheit in komplexen Bewegungsabläufen und Tempowechsel nicht brechen zu lassen.

Laut Großmeister Chen, Xiao-Wang durchlaufen wir 5 Level auf dem Weg zur Meisterschaft.
Die Grundlagen für die verschiedenen Bereiche des Körpers im 1. Level sind:

  • Den Körper lotrecht aufzurichten,
  • den Kopf und Nacken so aufzurichten, als wäre der Körper an einem Faden von oben leicht aufgehängt
  • die Schultern entspannen und die Ellenbogen sinken lassen
  • Brust- und Hüftbereich entspannen und sinken lassen
  • die Knie leicht beugen und den Unterleib entspannen.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, wird die innere Energie auf natürliche Weise in das Dan Tian hinab sinken.

Im 1. Level wird der Übende Schwierigkeiten haben, dass Körperpositionen die richtige Ausrichtung haben und dass die Koordination zwischen Armen und Beinen bei jeder Figur überein stimmt. Die innere Energie, das Qi, kann nach und nach eine Verfeinerung der Bewegungen innerhalb des Rumpfes und aller Körperglieder herbeiführen. Man wird dann in der Lage sein, durch äußere Bewegungen inneren Energiefluss zu kanalisieren.

Im 2. Level wird die Ausrichtung der Haltungsstruktur weiter verfeinert. Der Übende ist fähig, den Fluss der inneren Energie wahr zu nehmen, kann ihn aber noch nicht kontrollieren. Jede Bewegung darf nicht vom Prinzip der Seidenübung (Can Si Gong) abweichen.

Während des 2. Levels richtet sich die Aufmerksamkeit überwiegend auf das Aufdecken von Blockaden und unzusammenhängenden inneren und äußeren Bewegungsabläufen der einzelnen Körperteile.

Im 3. Level sollten wir diesen Energiefluss herstellen können. Die einzelnen Schritte während der Ausübung des Chen Taiji Quan beinhalten die Entwicklung von der Beherrschung der großen Zirkel über die mittleren Zirkel bis hin zu den kleinen Zirkeln. Im 3. Level sollte man mit den großen Kreisen beginnen um dann in den mittleren Kreisen der Energiezirkulation zu enden.

Die klassischen Texte des Taiji Quan besagen, das Yi (Aufmerksamkeit) und Qi höher einzuschätzen sind als die Formen. Das heißt, man soll während des Ausübens der Formen der Aufmerksamkeit große Bedeutung beimessen.
Innerhalb des 1. Levels wird die Aufmerksamkeit noch überwiegend auf das Erlernen und die Beherrschung der äußeren Formabläufe des Taiji Quan gelegt.
Während des 2. Levels richtet sich die Aufmerksamkeit überwiegend auf das Aufdecken von Blockaden und unzusammenhängende innere und äußere Bewegungsabläufe der einzelnen Körperteile.
Im 3. Level des Taiji Gong-Fu sollten wir bereits diesen Energiefluß herstellen können. Die Koordination zwischen der inneren und äußeren Bewegung gelingt uns hier besser.

Innerhalb des 4. Levels sollte der Fortschritt von den mittleren zu den kleinen Spiralbewegungen gemeistert werden. Dies ist die Stufe, auf der wir uns dem Erfolg nähern.
Man sollte in der Lage sein, die wichtigen Anforderungen der Formen begriffen zu haben und ausführen zu können. Der Körper bildet innerhalb der Bewegung ein in sich geschlossenes System. Die kämpferischen Fähigkeiten in diesem Level sind deutlich größer als noch im 3. Level.

Das 5. Level ist die Stufe, in der man von der Beherrschung kleiner Zirkelbewegungen übergeht zu nicht mehr sichtbaren Zirkelbewegungen. Man geht über vom meistern der Form zur unsichtbaren Ausübung. Die Bewegung kommt ungebrochen aus dem ganzen Körper.
Taiji Quan beinhaltet 3 Aspekte, Gesundheit, Meditation und Selbstverteidigung. Welcher Aspekt auch immer für mich im Vordergrund steht, die Inhalte des Trainings sowie die Entwicklungsschritte bleiben gleich.

Bei täglich richtigem Üben benötigen wir 7-10 Jahre zum meistern des Chen Taiji, zur Vervollkommnung ist ein Leben nicht genug.

Gerhard Milbrat

Techniken, Prinzipien und Anwendung des Chen Stil-Schwertes

Der historische Ursprung der Chen Taiji-Schwertkunst ist bis heute umstritten. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass die Prinzipien des Taiji Quan für das Taiji Schwert bereits präzise und perfekte Voraussetzungen geschaffen haben. Es heißt, dass jeder der heutigen Taiji Schwertstile auf einen von 3 Schwertformtypen zurückgeführt werden kann (Xuan Hua-Schwertform, Sancai-Schwerform, Qian Kun Schwertform). Die Forschung, welche zu diesem Ergebnis führte, gilt jedoch auch als ziemlich unspezifisch und umstritten.

Das Ming-Zeit-Schwert

Sehr wahrscheinlich ist aber, das die Grundtechniken des Chen Taiji Schwert sich vom Ming Zeit-Schwert (1368-1644) ableiteten.
Das Ming Zeit-Schwert arbeitete mit der 4 Prinzipien-Methode. Die 4 Originalen Schwerttechniken (Si Mu) sind im Song Wei Yi-Schwertbuch (Song Wei-Yi Jian Pu) aus der Ming Zeit ausgearbeitet.

4 originale (Si Mu) Ming Zeit-Techniken nach Song Wei-Yi Jian Pu
Ji schlagen
Ci stechen
Ge blockieren
Xi säubern

In der auslaufenden Ming Zeit veränderte sich die Schwertkunst in China. Das rührte daher, dass es nun auch zivilen Personen gestattet war, Schwerter zu tragen. Neben dem Kriegsschwert (Wu Jian), welches auf dem Rücken getragen wurde, entwickelten sich leichtere Zivilschwerter (Wen Jian). Diese konnten an der Hüfte getragen werden.
Ab der Qing Ära (1644-1911) hatte die Schwertkunst längst nicht mehr den renommierten Rang wie in den alten Zeiten. Das Schwert wurde im Militärwesen bedeutungslos, in den wichtigen Militärschriften der Qing Zeit, wie z.B. „Du Wu Jing Zong Yao“, „Zhen Yi“, „Ji Xiao Xin shu“ oder „Wu Bei Zhi“ werden die waffenlosen Formen und der Speer als die Quelle der Geschicklichkeit in allen Waffenformen beschrieben. Zudem wurde es schwierig, einen wirklich guten Schwertlehrer zu finden. Die Schwertmethode wurde nur noch von wenigen oder verwässert übermittelt.
Die Schwertformen waren ab der Qing Zeit nun alle Teil eines waffenlosen Systems, als Waffenformen in diese Systeme integriert, unter Verlust ihrer Unabhängigkeit. Im Gegensatz zu ihrer früheren Bedeutung als eine Hauptform der Kampfkunstpraxis, dem Schwertkampf, wurde die Schwertkunst über den Schwerttanz zu einer Form der geistigen Vorbereitung auf die Kampfkünste, einer gesundheitsfördernden Übung und einem Mittel des Selbstausdrucks.

Spielte die Fechtkunst mit dem Schwert auf den Schlachtfeldern nur noch eine untergeordnete Rolle, entwickelte sich jedoch immer mehr das Duellfechten Mann gegen Mann. Das Duellfechten führte zu einer weiteren Entwicklung der Grundtechniken. Im Taiji-Duellfechten entwickelte sich immer mehr eine Hüft- und Beinarbeit wie wir sie vom Push Hand des Taiji Quan kennen und es wurde mehr Wert auf die „Wahrnehmung der Energie“ gelegt.
In der Schwertkunst dieser Zeit wurde vor allem das Prinzip Nian oder Zhan, das Prinzip des Anhaftens praktiziert. Prinzipien wie Nian und Peng (nach oben ableiten) wurden bei der Entwicklung der Langwaffentechniken (Speer/Stock) gefunden und kommen erst später im Taiji Quan zur Anwendung. Erstmalig verwendet wurde das Wort Nian in der Ming Zeit in dem Buch „Jian Jing“ (Sword classics) von Yu Da You im Zusammenhang mit den Methoden von Langstock und Prügel. Auch in Qi Ji Guan Kampfkunst-Klassiker „Aufzeichnung zur Verteidigung“ taucht das Wort Nian auf.

Lied über das Chen Stil Schwert von Chen Zhaopei
(The Chen Style Taijiquan Journal Vol 2/No. 2/1994 Notes on the Taiji Sword S. 160).

“Das Chen Stil Taiji-Schwert beinhaltet in allen Aspekten die Strukturen und Prinzipien des Taiji Quan. Der Gebrauch von Armen, Schultern, Augen, Körpermechanik und der Schwert-Technik folgt den Prinzipien des Taiji Quan“.
Zha (nach unten stoßen/stechen), Dian (Punktschlag mit der Spitze der Klinge aus dem Handgelenk), Pi (spalten), Ci (gerade oder nach oben stoßen/stechen); Die Klinge des Gegners spiralig aufnehmen und die Energie des Angreifers in die Leere laufen lassen (Chan Rao Jing Luo Kong). Benutze eine spiralige Aktion um den Gegner zu entwaffnen. Da sind Wege um Vorteile zu erlangen während die Klinge des Gegners aufgenommen, abgeleitet bzw. geführt wird (Yin Jin Jie You Lu). Die horizontalen und vertikalen Bewegungen des Schwertes sind wie ein Blitz aus Stahl (Zong Fang Han Guang Sheng).
Tiao (von unten nach oben zerteilen), Li (von oben nach unten aufspalten), das ist der richtige Weg, Tui Tuo (wegdrücken und hochheben) ist die Standard-Methode (Tui Tuo Shi Zheng Zang) zusammenziehen, schließen wie ein Igel, entladen der Energie als wenn man zum Ende des Regenbogens reichen.will. Eine Myriade von Sonnenstrahlen strahlen glitzernd. Die Glorie der Strahlen ist grenzenlos, nach langer Zeit des Übens mit dem Taiji-Schwert, dann, wenn deine Technik perfekt ist, wirst du von allein die erleuchtende Erkenntnis haben“.

Dieser Text drückt klar aus, mit welchen Prinzipien und Methoden der Chen Taiji-Schwertkampf ausgeführt wird.
In den Bewegungen der Chen Stil-Schwertform lassen sich 13 Basis-Techniken erkennen:

Zha von oben nach unten stoßen/stechen
Ci gerade und nach oben stoßen/stechen
Dian Punktschlag mit der Spitze der Klinge aus dem Handgelenk
Pi spalten mit Punkt der geringsten Vibration an der Klinge
Mo tastend reiben, mahlen, schleifen
Sao säubern, wischen, fegen
Hua neutralisieren in kreisender Weise
Leao von unten nach oben ziehend schneiden
Gua hängende Klinge
Tuo drücken und hochheben
Tui drücken
Jie abfangend aufnehmen
Jia Klinge des Gegners nach oben bringen

Sehr wichtig für eine effektive Anwendung der Grundtechniken sind die hinter der Technik stehenden Prinzipien und deren Zusammenspiel. Leao kann auch Tui Tuo(wegdrücken und hochheben)beinhalten. Wir dürfen die Technik nicht als einzelne isolierte Aktion verstehen. In jeder Grundtechnik/Prinzip wirkt eines oder mehrere der anderen mit. Beim Taiji-Faustkampf z.B. kann Ji dem Lu unterstützen, Lie wird An und Kao helfen wie Cai dem Lie helfen kann.

7 grundlegende Methoden

Auf Nachfrage erläuterte mir Großmeister Chen, Xiao-Wang 7 grundlegende Methoden, die in ihrer taktischen Gewichtung den Ursprung vom Schlachtfeld nicht leugnen können. Trotzdem sind die anderen genannten Grundtechniken darin enthalten. Pi, dem Spalten geht der Schlag (Ji) voraus. Pi selbst ist ein spaltender Schlag. Yun enthält Xi/Sao , Kan ist auch ein Blockieren/Ge. Prinzipen wie Nian/Zhan (kleben/anhaften) mit dem Schwert sind so grundlegend, dass sie kaum genannt werden. Ebenso das Prinzip Chan (einwickeln/einbinden). „Die Klinge des Gegners spiralig (einwickeln) aufnehmen und die Energie des Angreifers in die Leere laufen lassen (Chan Rao Jing Luo Kong).

7 Methoden nach Chen, Xiao-Wang
Pi spalten mit Punkt der geringsten Vibration an der Klinge
Kan hacken und drücken mit unterem Drittel der Klinge
Ci stoßen gerade oder hoch
Dian mit Spitze schlagend stechen durch Impuls aus Handgelenk
Leao von unten nach oben ziehend/drückend Schneiden
Yun wischende Klinge
Mo tastend reiben, mahlen, schleifen

Augenscheinlich sind die 4 originalen SiMu-Schwerttechniken in allen genannten Grundtechniken enthalten. Die Grundtechniken des Chen Taiji-Schwertes gehen sehr wahrscheinlich auf diese 4 Mingzeit Schwert-Techniken zurück. Um die Anwendung der Techniken/Prinzipien richtig zu verstehen, sollten wir den Einsatz dieser Waffen auf einem Schlachtfeld sowie in einer Duellsituation verstehen. Auf dem Schlachtfeld sind grobe Techniken gefordert (siehe SiMu) und es wurde gegen andere Waffengattungen gekämpft als in einem reinen Duellkampf mit dem Schwert, Mann gegen Mann. Die Art des Kampfes Klinge gegen Klinge wird entscheidend geprägt von der Art, Größe und Gewicht der Schwerter. Auch hier dürfen wir von dem Mingzeit-Schwert ausgehen, welches im Durchschnitt 800 bis 1200 Gramm schwer war und eine Gesamtlänge von bis zu 90 cm hatte. Die Länge des Schwertes ergibt sich aus der Körpergröße des Schwertkämpfers. Unsere heutigen Übungsschwerter entsprechen meistens dem Aussehen eines Mingzeit-Schwertes.
Ein Duellkampf Mann gegen Mann, wobei jeder der beiden Kämpfer eine Überlebenschance von gut 30% hat, wird mit Sicherheit die Fähigkeit Nian/Zhan (anhaften/kleben bleiben) verlangen. Dabei ist die eigentliche Kunst nicht das Kleben bleiben, sondern das taktisch richtige lösen um den Kampf zu beenden.
„Die Klinge des Gegners spiralig aufnehmen  und die Energie des Angreifers in die Leere laufen lassen . Da sind Wege, um Vorteile zu erlangen, während die Klinge des Gegners aufgenommen, abgeleitet  bzw. geführt  wird“.

Schauen wir uns die Taiji Schwertform der Chen-Familie an, erkennen wir die Herkunft: dem Schlachtfeld, mit Kämpfen in Massen, gegen verschiedenste Waffengattungen über größere Distanzen und unterschiedliche Richtungen.
Haben wir die Schwertform lange, viel und intensiv trainiert und können die Seele dieser Form mit ihren Techniken/Prinzipien schmecken, lassen sich alle genannten Grundmethoden in ihr entdecken und auch im Duellkampf sehr erfolgreich anwenden.
Beim Üben der Schwert-Form müssen wir klar verstehen, welche Technik angewandt und in welche Teil der Klinge wir Energie geben müssen. Wenn wir z.B. die gegnerische Klinge parieren, sollte Energie in den unteren 2/3 unserer Klinge ankommen. Bei schneidenden Anwendungen dagegen sollte mehr Energie im oberen Drittel der Klinge sein. Stöße und Stiche erfordern Energie in der Spitze der Klinge. Verstehen und Berücksichtigen wir dieses nicht, wird die Technik nicht erfolgreich sein, zudem besteht die Gefahr des Klingenbruchs.

„Es heißt in China: Um mit dem Stock kämpfen zu können, trainiere ihn 100 Tage, um mit dem Speer kämpfen zu können, trainiere ihn 1000 Tage, um mit dem Schwert kämpfen zu können, trainiere es 10000 Tage“.
Wie man mit dem Schwert kämpfen lernt, zeigt die historische Entwicklung. Auf dem Schlachtfeld reicht es zum Überleben, Ji-Ci-Ge-Xi zu beherrschen. Diese groben, einfachen Schwerttechniken waren gerade auf dem Schlachtfeld effektiv, was schließlich dazu führte, dass der Säbel (Dao) das Schwert vom Schlachtfeld verdrängte, da er eine größere Durchschlagkraft besaß.

Die Entwicklung des Duell-Fechtens machte das Anwenden von filigraneren Techniken notwendig. Diese Entwicklung hatte ihren Höhepunkt im 19ten und Anfang des 20ten Jahrhundert.

Ist der historische Ursprung auch umstritten, die Techniken, Prinzipien und Anwendung des Chen Stil-Schwertes sind recht gut überliefert. Um ein hohes Level in der realen Anwendung zu erreichen muss die Schwertkunst sehr intensiv in Solo- und Partnerdrills, sowie im freien Fechten mit Schutzausrüstung geübt werden.

Gerhard Milbrat