Die Tradition in den chinesischen Kampfkünsten

Zur Bedeutung der Begriffe Tradition und traditionell wird in Fachkreisen lebhaft und kontrovers diskutiert, Mißverständnisse über deren korrekte Anwendung und Definition sind an der Tagesordnung. Auf der einen Seite sind die Traditionsgegner davon überzeugt, daß sich jegliches Traditionsgehabe lähmend auf ihre Kampfkunst auswirkt. In der Tat treibt falsches Traditionsverständnis in Kampfkunstkreisen bei manchen Lehrern und Schülern schillernde Blüten.

Im anderen Extrem halten Traditionalisten an der “Tradition” fest, ohne kritisch zu hinterfragen, warum sie sich ihr verpflichtet fühlen – einfach, “weil es schon immer so war”. Derartige traditionalistische Scheuklappen verhindern einen Blick über den eigenen Tellerrand und erleichtern es nicht gerade, weiter zu lernen und sein Wissen sowie sein jeweiliges Können zu ergänzen.

Prägende Einflüsse auf die Tradition in den Kampfkünsten kommen vor allem aus dem Buddhismus, dem Konfuzianismus und dem Daoismus. Man kann sagen, daß mit dem historischen Wandel, den unterschiedlichen Dynastien und Herrscherhäusern sich auch die traditionellen Eigenheiten in Gesellschaft, Politik, Familie und auch in der Kampfkunstschulung gewandelt haben.

Viele der traditionellen Verhaltensweisen, Regeln und Methoden haben in China die Kulturrevolution nicht überlebt. Außerhalb der VR China, in südostasiatischen Ländern wie Taiwan, Singapur, Malaysia, Hongkong, Korea und Japan, in Ländern also, wo sich zahllose chinesische Emigranten niederließen, sind die Erfahrungen von Generation durch die Traditionspflege lebendig gehalten worden.

Viele der Verhaltensregeln sollen Moral, Höflichkeit und Respekt im Umgang mit der Natur, den Menschen, den Meistern und Lehrern sowie den Mitschülern fördern. Die am meisten verbreitete Art der Respektbezeugung ist der Handgruß (Bao quan). Diese Geste drückt Willkommensein sowie Dankbarkeit und Ehrfurcht aus. Sie besteht aus einer zur Faust geballten rechten Hand, die von der offenen Handfläche der linken Hand umschlossen wird. Die Interpretation der Geste ist vielschichtig. Die geballte, aggressive Faust wird von der friedlichen, weisen Hand kontrolliert, gebremst.

Alle Regeln der Etikette zielen auf die Förderung von Aufmerksamkeit, Bescheidenheit, Geduld, auf Respekt und Höflichkeit. Kriterien, wonach Schüler ausgewählt werden, sind: offener Geist, Hilfsbereitschaft gegenüber Schwächeren, Lernwillen, Toleranz, Friedfertigkeit, Folgsamkeit und die Bereitschaft, die Kultur und dazugehörige Zeremonien anzunehmen und zu praktizieren.

Ein traditioneller Meister oder Lehrer ist nicht einfach nur ein Trainer, den man beliebig austauschen und konsumieren kann, sondern im Idealfall ein väterlicher Lehrer (Shifu). Viele Schüler nennen ihre Lehrer Shifu, was im traditionellen Sinne eigentlich nicht korrekt ist. Angebrachter wäre hingegen, bei der Anrede dem Familiennamen den Titel Laoshe anzuhängen (Laoshe = Lehrer). Die traditionelle Lehrer-Schüler-Beziehung ist eine sehr enge familiäre Bindung. Der Schüler lebt mit dem Lehrer zusammen, als wenn er vom Meister adoptiert worden wäre. Sie teilen den Alltag miteinander und nutzen ihn mit seinen Situationen für Lektionen zum Verhalten und zur Weltanschauung. Nur der “adoptierte” Schüler nennt seinen Lehrer oder Meister Shifu.

Das Vermitteln von kampfspezifischen Methoden und Techniken ist in einer solchen Beziehung nicht das zentrale Anliegen. Vielmehr sollen Charakter und Körper in holistischer Weise geschult werden. Im alten China sorgte der Schüler für seinen Meister in Form von Hilfe zum Lebensunterhalt, bei alltäglicher Arbeit, auf gesundheitlicher Ebene und bei den Verpflichtungen des Lehrers. So war gewährleistet, das der Meister durch diese Entlastung zumindest Zeit für den Kampfkunstunterricht hatte.

Eine optimale Lehrer-Schüler-Beziehung ist geprägt von Vertauen und ist immer eine familiäre Bindung mit allen Konsequenzen. Aber auch die Möglichkeit des Mißbrauchs von Abhängigkeiten war und ist in einer Kampfkunstausbildung gegeben. Für den Kampfkunstschüler der heutigen Zeit, besonders für den Nichtasiaten, ist es sehr schwer, sich auf so vielen Ebenen zu öffnen und wirkliches Verständnis über eine traditionell geprägte Kampfkunst zu erlangen.

Aus der Vielzahl der Angebote das für sich Passende zu erwählen, die Bereitschaft zum “bitteren Essen”, einen wissenden, kompetenten Lehrer zu finden, überhaupt sich die Zeit für das langjährige, tägliche Üben zu nehmen sind nur einige Schwierigkeiten, denen sich der Kampfkunstschüler stellen muß.

Viele gehen lieber einen “zeitgemäß schnellen” Weg und machen Kompromisse, die sie jedoch nicht auf den “richtigen” Weg bringen. Die Masse der Kampfkunstübenden trainiert unregelmäßig und gibt sich mit Halbwissen zufrieden. In dem Glauben, schnell voranzukommen und ebenso schnell “jemand zu sein”, werden so viele Formen wie möglich “gekauft”. Die Devise “Quantität statt Qualität” verbirgt sich im Supermarkt der Kampfkünste. Das trügerische Motto lautet “sein statt zu werden”.

Der traditionelle Kampfkunstschüler wird immer aufmerksam gegenüber seinem Lehrer und seinen Mitschülern sein. Er wird dafür sorgen, daß sein Lehrer sich zuerst setzen kann, zuerst durch eine Tür geht, zuerst trinkt und ißt. Der Meister ist damit zufrieden, wenn er sieht, daß der Schüler an diese Dinge denkt. Er fordert dieses Privileg nicht ein, sondern ist seinerseits bemüht, den Umgang miteinander freundlich und entkrampfend zu gestalten. Er sorgt ebenfalls dafür, daß es dem Schüler an nichts mangelt.

Viele Leiden und Qualen des modernen Menschen resultieren aus dem Verlust bewährter traditioneller Werte. Die Ex- und -hopp-Mentalität, sofort Erfolg, Profit, Ruhm und Ehre haben zu wollen, sich selbst der Nächste zu sein sowie die Profilierungssucht vieler scheinen wichtiger zu sein als die Erhaltung sinnvoller Tradition. Diese wird als “Muff aus vergangenen Jahrhunderten” geschmäht und als unsinnig und zeitgemäß abgetan.

Der moderne Mensch wird zunehmend unsensibler, egoistischer, beziehungsunfähiger, liebloser und kann – oder will – kaum noch Verantwortung übernehmen. Die Ergebnisse seriöser traditioneller Kampfkunstschulung zeigen, daß Kampfkunst ein Weg zum besseren Selbstverständnis und einem menschlicheren Miteinander sein kann und daß sie den ernsthaft Übenden in die Lage versetzen kann, sich selbst und sein eigenes Leben zu meistern. So gibt es auch in unserer von Konsum und oberflächlichem Schein geprägten Zeit noch einige Individualisten, die die Fackel der Tradition in den Kampfkünsten vor dem Erlöschen bewahren und weitergeben, anstatt nur die Asche aufzubewahren.

Text: Gerhard Milbrat

Wu Xing in dem Kampfkünsten

Die Theorie der 5 Wandlungsphasen/5 Elemente, ist, wie wir gesehen haben, mit vielen anderen Theorien, Ideen und Künsten kombinierbar. Wu Xing – sowie Yin und Yang – Theorien fließen in die TCM, in die Ernährungsmethode, in Feng Sui (chin. Geomantie) aber auch in die Kampfkünste mit ein. So z. B. in die 5 Methoden zum Entwickeln von Gefühl in Quan-Fa (Chuai-mo). Laut dem Lexikon der ostasiatischen Kampfkünste von Werner Lind bedeutet Chuai: “schätzen, vermuten”. Mo bedeutet: “studieren, forschen”. Chuai-Mo sind Methoden, die nächste Technik des Gegners zu erforschen und richtig einzuschätzen. Diese Methoden können bei rechter Konzentration in den Formen (Tao-Zu) geübt werden. Vor allem werden sie aber in Partnerübungen geübt.

  1. Tie = Ankleben,
  2. Nian = Anhaften,
  3. Sui = Nachfolgen,
  4. Lian = Mitbewegen,
  5. Bu Diu Ding = Durch Entsprechung nicht verlieren.
In Kombination mit WU-XING entspricht:
Tie Jin/Metall
Sui Mu/Holz
Bu-Diu-Ding Tu/Erde
Nian Shui/Wasser
Lian Huo/Feuer

Im Bereich der Kampfkünste haben die Wu-Xing in den Shaolin Tierstilen (Wu Qin-Xi/Wu Chin Hsi) im Xing Yi Quan, Ba Kua Quan, Tai Ji Quan u. a. besondere Bedeutung. Z. B. im Xing-Xi Quan sind die 5 Basis-Bewegungen den 5 Wandlungsphasen zugeordnet. Die 5 Grundtechniken werden in den 12 Tierformen des Xing-Yi Quan aneinander gereiht und kombiniert. Alle Bewegungen haben eine bestimmte Ausgangsposition (San-Ti).

Die Grundtechniken der 5 Elemente im Xing-Yi sind:
1. Bi (spalten)
Das Qi schwillt stark an und sinkt wie beim Holzhacken wieder ab
2. Beng (durchschlagen)
Hier durchläuft das Qi die Stützen von öffnen und schließen
3. Cuan (schrumpfen)
Qi strömt in einem feinen Strahl aus
4. Bao (betäuben)
Hier schießt das Qi explosionsartig nach aussen
5. Heng (durchkreuzen)
Das Qi wird plötzlich bogenförmig ausgestoßen
Allgemein läßt sich sagen:
Feuer:
seitlicher gerader Fauststoß, wobei die Kraft aus dem Hüfteinsatz generiert wird. Feuer bezieht sich auf die aktuelle Aktivität, eben dem Fauststoß auf dem Weg ins Ziel.
Erde:
bezeichnet die Kraft, die aus der Erde kommt. Erde entwickelt innere Stärke. Diese Kraft ist schwer, langsam und kommt in der Regel aus einer tiefen Stellung.
Metall:
ähnlich wie die Kraft der Erde, jedoch mehr streckend unter Berücksichtigung der Einheit des Schlagarmes.
Holz:
auch wird der Fauststoß betont, jedoch unter Einbeziehung einer Drehung der Gelenke. Wurde Metall auf mittlerer Distanz genutzt, werden die “Holz- Techniken” aus der Nahdistanz ausgeführt.
Wasser:
hier sind die Techniken flüssig wie die Wellen des Meeres. Die Wasser-Kraft ist sanft und kommt auf kurze Distanz zur Geltung.

Es muß hier gesagt werden, daß Kampfkünste auch ohne Wissen der Wu Xing Aspekte in der Kampfkunst hohes Niveau erreichen können. Die Theorie der Wu Xing aber helfen, daß Geschehen in Solo- und Partnerübungen sowie Faust- und Waffenkampf aufzurastern und dienen letztendlich dem tieferen Verständnis im Forschen des eigenen Systems. Auch beziehen sich die Wu-Xing nicht nur auf die “inneren” Kampfkünste. Jedes System birgt die Aspekte der Wu-Xing. Mir hat es geholfen, die Wu-Xing in den Prinzipien von Tang Lang Quan und Tai Ji Quan zu erforschen. Gerade dadurch wurden die Übungs- und Kampfprinzipien verständlicher. Wu-Xing sowie Yin und Yang sind auf alle Naturerscheinungen, Handlungsweisen und und und … anzuwenden. Unsere westliche Wissenschaft würde revolutioniert, wenn diese Theorien von Grund auf berücksichtigt würden.

Hiermit endet die Einführung in die 5 Wandlungsphasen.

Text: Gerhard Milbrat

Zwischen Campingplatz und “Tempelhof”

Taiji zwischen den Jahreszeiten

Anfang Januar: Angeregt durch den Artikel “Tempelpark” von Jan und privilegiert durch die Möglichkeit, ein arbeitsfreies Jahr nehmen zu können, stellte ich einen von meinen Freunden geliehenen Wohnwagen auf einen nahe, bei Lüdinghausen, gelegenen Campingplatz.

Ohne berufliche Anforderungen über einen längeren Zeitraum in einem ruhigen, naturnahen Umfeld leben können, in dem schon seit zehn Jahren Taiji und Tang -Lang Sommercamps stattfinden , hatte ich mir vorgenommen, meine Taiji Grundlagen auszubauen und zu vertiefen, was kann schöner sein?

Der Wettergott war gnädig mit mir. Zwischen kurzen Regenperioden in den Wintermonaten, zeitweilig klirrender Kälte und einigen Schneetagen, postkartenähnlichen Sonnenaufgängen im Hochnebel auf der gegenüberliegenden Ostseite des alten Stichkanals , schnell dahin fliegenden Eissvögeln und nach Fischen tauchenden Komoranen, waren früh am Morgen die Basisübungen angesagt.

Nach dem Frühstück die kurze Fahrt zum Institut, um auf dem “Tempelhof” einige Stunden die Kernform des Taiji, die Laojia Ylu, zu üben. Ich bezeichne den gepflasterten Platz vor dem Institut ganz persönlich als “Tem- pelhof”, weil dieser einerseits eingebettet liegt zwischen dem Institut für Chine- sische Heil – u. Bewegungskunst und hochwachsenden Gehölzen und Sträuchern. Andererseits wird der ” Tempelhof” geprägt durch die vom Institut herübergetra- gene, ruhige Atmosphäre, die ich im Laufe der Übungsmonate als sehr stimulie- rend lieben und schätzen gelernt habe.

Beim täglichen gemeinsamen Üben mit Gerhard und Hadmut über den Wechsel der Jahreszeiten hinweg, beeinflusst auch durch die unterschiedlichen Witterungs- bedingungen, dankbar für Korrekturen und Anregungen in den Übungspausen, konnte ich allmählich immer besser nachvollziehen , dass die Form nur ein Werkzeug ist, um irgendwann einmal dahin zu kommen, was Taiji tatsächlich sein kann.

Neben auftretendem Muskelkater, gelegentlicher Lustlosigkeit und der manchmal auftretenden Frage :” Warum mache ich das überhaupt hier, könnte doch auch ein halbes Jahr auf La Palma bei meinem Freund leben”? entwickelte sich im Laufe der Monate eine gewisse “Taiji- Süchtigkeit” , die sich fortsetzte durch abendliche Übungsstunden mit anderen Schülern im Institut, auf dem Campingplatz oder an der Burg Lüdinghausen.

Anfang Mai: Durch die schnell hereinbrechenden sommerlichen Temperaturen entwickelte sich innerhalb weniger Wochen um meinen Wohnwagen herum eine dichte, grüne blühende Wand.

Das Gezwitscher der Vögel, das von der Kanalseite herüberkommende Geschnatter der Gänse, Enten und Wasserhühner erleichtert mir erheblich das ansonsten etwas quälende Herausschälen aus dem warmen Schlafsack. Die warme , sommerliche Morgenluft gibt dem Körper Energie und Leichtigkeit mit, also auf zu den Basis- Übungen an den Kanal.

Aber Vorsicht bei zuviel Euphorie: Nach einigen Monaten täglichen Taiji Übens fällt mir das Ausführen des äusseren Bewegungsrahmens zwar leichter, doch sind die Bewegungsausführungen aus dem Unterbauch, das richtige Positionieren der Hüfte, der Energieverlauf im Körper noch vielen Einschränkungen unterlegen. Anregungen und Korrekturen von Gerhard und Hadmut bringen mich aber immer wieder ein kleines Stück weiter auf den Weg, den Chen Xiaowang bei der Darstellung der ” 5 Entwicklungsstufen im Taijiquan” so treffend beschrieben hat.

Mit zunehmender Übungshäufigkeit erschließt sich mir auch immer deutlicher der Sinngehalt der oft gehörten Aussage:” Nicht das Wissen über Tai-Ji hilft weiter, sondern nur das kontinuierliche Üben, damit sich irgendwann über das richtige Ausführen der Formen so etwas wie Taiji herauskristallisiert.

Juli/ August: Nach dem Taiji Camp in Slovenien und der damit verbundenen Möglichkeit , direkt beim Großmeister Waffe und Form zu erlernen und zu vertie- fen und mit Teilnehmern aus vielen Ländern Taiji in unterschiedlichen Facetten zu erleben, konnte ich als krönenden Abschluß meines Urlaubsjahres noch zehn Tage am Taiji Sommercamp in Lüdinghausen teilnehmen.

Intensives Üben von Hand- u. Waffenformen und Tuishou in Kleingruppen, abend- liche Vorträge und Einführungen in vertiefende Übungen zum Taiji gaben immer wieder neue Impulse für die tägliche Praxis und rundeten meinen bisherigen Übungshintergrund wunderbar ab.

Orts- u. Rollenwechsel: Ein neues Schuljahr beginnt, der Alltag hat mich nach Wochen wieder fest im Griff. Mit einem Fuß noch auf Campingplatz und “Tempelhof” , mit dem anderen wieder im beruflichen Umfeld, schweife ich mit meinen Gedanken noch oft ab. Aber Taiji ist auch Teilbereich des ganz alltäglichen Lebens, also versuche ich weiterhin in meiner Mitte zu bleiben, ggf. auch abzuleiten und wenn nötig, auch ein wenig Explosionskraft mit in den Alltag einzusetzen. Ansonsten habe ich mir für die Zukunft vorgenommen, einfach den Worten von Großmeister Sun, Shi – Gang zu folgen:” Es gibt keine Abkürzungen, nur Fleiss führt zum Ziel”

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei meinem Ausbilder Gerhard M. und meiner Lehrerin Hadmut M.- H. für die gemeinsamen Übungsstunden und für die um das Taijiquan kreisenden Gespräche auf dem “Tempelhof” bedanken.

Olaf Lukowski

Singapur

Ein Reisebericht von Evelyn Garski

Singapur – eine Stadt voller Kontraste, zahlreicher verschiedener Kulturen und vielversprechenden Eßgenüssen. Eine Stadt, so erzählte man uns, die nicht nur wegen ihres tropischen Klimas bekannt war, sondern mittlerweile als Geheimtip für Kung Fu Interessierte weitergegeben wurde.

Auch wir folgten im Juli 1994 einer dreiwöchigen Einladung von Frank Greinacher und seinem Meister Yeo Lian Hook, der in Singapur lebt, anläßlich des 20jährigen Bestehens des Shaolin Hong Chay Kung Fu Deutschland.

Die Reisegruppe setzte sich zusammen aus fünf traditionellen deutschen Kung Fu Lehrern wie Sifu Frank Greinacher (Shaolin Hong Chay), Sifu Gerhard Milbrat (Mei Hua Tang Lang), Sifu Jan Silberstorff (Chen-Taiji Chuan), Sifu Kai Uwe Pel (Seven Star Mantis), Sifu Andreas Garski (Hung Gar), den Ausbildern und Assistenten von Sifu Greinacher und Sifu Milbrat, Evelyn Garski (als Mit-Redakteurin des Kung Fu Magazin’s) sowie Ausbildern des Shaolin Hong Chay aus Türkei, Belgien, Griechenland und sehr motivierten und erwartungsvollen Schülern dieser traditionellen Schulen. Insgesamt brachten wir es auf eine stolze Teilnehmerzahl von immerhin 33 Mitreisenden.

Der Erste Eindruck

Am Flughafen wurden wir schon von Sigung Yeo Lian Hock erwartet und begrüßt, der uns dann mit Bussen zu unserem Hotel im Stadtkern brachte. Beim Aussteigen traf uns fast der Schlag; das tropische Klima war für die meisten von uns absolut ungewohnt. Bereits jede kleinste Bewegung brachte den größten Schweißausbruch hervor. Und hier sollte auch noch trainiert werden? Nach endlos langer Warterei auf unser Hotelzimmer (eilig hatte es das Personal nicht gerade – vielleicht typisch asiatisch?) wurde schnell geduscht und die erste Erkundungstour unternommen. Singapur ist eine mit einem Stadtplan relativ leicht zu erforschende Stadt. Das saubere Bild, das uns durch Reiseführer vermittelt wurde, stellte sich tatsächlich so dar. Mit einer Bevölkerung von 75 % Chinesen sowie Minderheiten von Malayen, Indern, Thailändern, Arabern und Nicht-Asiaten bot sich uns ein buntes Bild zahlreicher verschiedener Religionen mit ihren unzähligen Tempeln und Wohn- und Geschäftsvierteln, die in Eintracht und Harmonie miteinander leben. Leider macht auch hier sich bereits der westliche Einfluß stark bemerkbar. So sind Kaufhäuser, die mit 6 Stockwerken nur aus Computer-Geschäften bestehen, keine Seltenheit. Auch preislich gesehen ist Singapur eine der teuersten Metropolen Asiens geworden. Der “alte” asiatische Einfluß mit seinen kleinen Basaren, Mini-Geschäften und Handwerksbetrieben fällt der Geschäftstüchtigkeit großer Firmen zum Opfer. Baufällige Häuser werden nicht mehr restauriert, sogar ganze Häuserfronten werden abgerissen, um Hochhäusern und Kaufhäusern zu weichen (z. B. in Chinatown war dies sehr stark zu spüren).

Kung Fu Schulen in Singapur

Kung Fu Schulen sind zum Teil nur in bestimmten Stadtteilen zu finden. Da die meisten Schulen Löwen- und Drachentanz praktizieren, wurden ihnen von der Regierung Plätze zugeteilt, die sich zum größten Teil außerhalb des Stadtkerns befinden, um die Anwohner vor etwaiger Lärmbelästigung durch das lautstarke Trommeln zu “schützen”. Daher findet man manche Kung Fu Schulen in alten Tempeln (für uns eine absolute Traum-Trainingskulisse), bei denen die Miete nicht so hoch und gleichzeitig die Erhaltung der Tempel gesichert wird. Durch die räumliche Enge (ähnlich wie in Hong Kong) sind jedoch die Schulen, die keine Räume gefunden haben, im Freien zu trainieren und die, die das Glück hatten, Trainingsräume anzumieten, findet man häufig auf den Dächern.

In Singapur müssen sich normalerweise alle Kung Fu Schulen einem der zwei Dachverbände anschließen. Wer dort kein Mitglied ist, wird auch nicht als seriöse Kung Fu Schule bezeichnet und auch namentlich nicht gerne genannt. Anders wie bei uns werden die Kung Fu Schulen oder auch spezielle Drachen- und Löwentanz-Schulen nicht durch Beiträge der Schüler finanziert, sondern durch Sponsoren und bezahlte Auftritte. Siege bei den jährlich stattfindenden Löwen- und Drachenwettkämpfen in Singapur und im Ausland sichern neue Aufträge und Auftritte und somit den Erhalt der Schule; wer am erfolgreichsten ist, erhält am meisten Zuschüsse. Dies ist auch der Grund, warum in Singapur hauptsächlich Drachen- und Löwentanz geübt wird und Kung Fu erst an zweiter Stelle.

Ein Höhepunkt folgt dem anderen

Der Programmablauf, außer dem Kennenlernen der Stadt, gestaltete sich zu unserer Freude überwiegend darin, einige Meister, Schulen und ihre Kung Fu Systeme kennenzulernen. Sigung Yeo Lian Hock ermöglichte uns dies mit seiner netten, unproblematischen und dennoch mit Respekt zu behandelnden Wesensart. Das Programm, welches dann Sigung Yeo Lian Hock bot, übertraf selbst die kühnsten Erwartungen. Bereits ab dem dritten Aufenthaltstag in Singapur hatten wir die Möglichkeit, mit ihm jeden Abend ein oder zwei Meister und deren Schulen zu besuchen wie die Singapore National Wushu Federation, das Kiew Sian King Dragon & Lion Dance Centre, Kampong Glam Community Centre Lion Dance Troupe, Ang Shiang Tai Tee Temple Dragon Troupe, Hong Sheng Koon Chinese Koontrow & Lion Dance Society, Chin Woo Athletic Ass, Lin Nam Pugilistic Gymnasium, Kuan San Tang Dragon/Lion Troupe und die Boo Yee Pugilistic & Lion Dance Association.

Immer wurde die komplette Reisegruppe freundlich und aufgeschlossen empfangen. Beide Seiten, sowohl die Gastgeber wie auch wir, waren gespannt auf die “Anderen”. Im gegenseitigen Wechsel mit den einheimischen Kung Fu Lehrern demonstrierten Sifu Frank Greinacher, Sifu Gerhard Milbrat, Sifu Kai Uwe Pel, Sifu Jan Silberstorff und Sifu Andreas Garski bei jedem Besuch ihren Kung Fu Stil mit überzeugender Ausdrucksweise und Perfektion, was die Gastgeber und Publikum in Staunen brachte und die Darbietungen mit großem Applaus honorierten. Ohne überheblich erscheinen zu wollen, stellten wir fest, daß die europäischen Lehrer ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen müssen, sondern mindestens mit den asiatischen Lehrern gleich zu stellen sind, was auch die Einheimischen in ihren Reportagen über den Besuch aus Deutschland, Türkei, Belgien und Griechenland berichteten. Beim anschließenden Essen, bei dem stets die gesamt Reisegruppe eingeladen war, führten uns die Gastgeber stolz ihre reichhaltige und ausgezeichnete Küche, für die Singapur weltweit berühmt ist, vor. Dabei wurde die Gelegenheit genutzt, sich mit den Meistern eingehend zu unterhalten, Erfahrungen auszutauschen und Kontakte für die zukünftige Zusammenarbeit zu knüpfen.

“1. International Wushu Gala ’94″

Absoluter Höhepunkt und eigentlicher Grund unserer Reise war die Teilnahme an der “1. International Wushu Gala ’94 in Johor Bahru/Malaysia” am 15. Juli 94. Diese Gala wurde veranstaltet von dem Ang Shian Tai Tee Temple Malaysia, der sein 25jähriges Jubiläum beging. Sifu Frank Greinacher feierte mit der Einladung nach Singapur und Malaysia gleichzeitig bei dieser Gala das 20jährige Bestehen des Shaolin Hong Choy Kung Fu System Deutschland.

Mit dieser Veranstaltung hatten sich die Ausrichter eine große Aufgabe gestellt. So wurde eine riesige Halle ausgesucht, die für mehr als 10.000 Besucher Platz bot. Trotz einem vielfältigen und ausgesuchten Programm und einer groß angelegten Werbeaktion fanden sich an diesem Tag nur ca. 3.000 Zuschauer ein, die über die fünf Stunden andauernde Gala ständig kamen und gingen. So wirkte die riesige Halle leider relativ leer und von der Atmosphäre etwas unpersönlich und unruhig.

Die Unerfahrenheit der Veranstalter, für die dies die erste Kung Fu Veranstaltung dieser Größenordnung war, machte sich bei dem organisatorischen Ablauf bemerkbar, z. B. wurde die Hälfte der Darbietungen der europäischen Lehrer und Schüler, die normalerweise als Gäste einer der Höhepunkte der Veranstaltung bilden sollten, ins Vorprogramm vor der eigentlichen Eröffnung, die zwei Stunden nach Beginn der Veranstaltung stattfand, oder ans Ende als Schlußlicht gelegt. Auch das 20jährige Bestehen des Shaolin Hong Chay Kung Fu Germany ging in diesem Chaos unter. Trotz diesen Ärgernissen und Trubel behielten die Sifus ihre innere Ruhe (typisch deutsch?) und verblüfften die einheimischen Zuschauer mit ihrem exzellenten Können. Obwohl das Programm mit z. B. Wushu-Spitzensportler aus China, Malaysia und Singapur, Drachen- und Löwentänzen aus Singapur, Qi Gong Demonstrationen sowie traditionellen einheimischen Kung Fu Schulen und Meistern absolut erstklassig war und die ganze Vielfalt der chinesischen Kampfkünste präsentierte, riß es die Zuschauer nicht gerade von ihren Stühlen, was sich vor allem beim Applaus bemerkbar machte. So hinterließ die Veranstaltung bei uns zum Teil einen zwiespältigen Eindruck (vielleicht typisch asiatisch?). Wir wünschen den Veranstaltern für ihre im nächsten Jahr geplante “Budo-Gala” (Vorbild Deutschland), die leider keine ausschließliche Kung Fu Gala mehr sein wird, viel Erfolg.

Nach diesen anstrengenden und eindrucksvollen ersten Wochen bildeten die anschließenden Erholungstage auf der reizvollen Bade-Insel Penang einen erholsamen Abschluß.

Vom Laoshan zum Huashan

China Reise der Chung Hsing Mei Hua Tang Lang Ass. und der Tang Lang Ass. Hamburg

Seit Sifu Heiko Klisch und Sifu Gerhard Milbrat ihre Mei Hua Tang Lang Verwandtschaft feststellten (beide Tang Lang Experten stehen in direkter Linie zur Hé (Hao, Huo) Familie, die das Mei Hua Tang Lang in China berühmt machten), wollten sie einmal zusammen in China trainieren.

Im vergangenen Jahr wurde das Vorhaben zur Realität. Sifu Klisch konnte seinen Lehrer und Großlehrer Zhang, Wang-Fu für ein 3-wöchiges Trainingslager gewinnen. So flog man nach anfänglichen Schwierigkeiten nach China. Mit dabei waren einige Schüler der befreundeten Tang Lang Lehrer und so war die Gruppe immerhin 12 Personen stark. Nonstop ging es zunächst nach Peking, um dort innerhalb einiger Tage die Große Mauer, die Verbotene Stadt und anderes zu besichtigen.

Dann ging es voller Spannung und Vorfreude nach Qingdao. Um nicht in der Großstadt leben und trainieren zu müssen, wurde ein kleines Hotel direkt am Strand des Gelben Meeres organisiert. Dort, am Fuß der Gipfel des Laoshan Gebirges ging es dann voll zur Sache. Tägliches Training ab 5.00 Uhr morgens und ab 17.00 Uhr abends unter der Leitung der Meister Zhang, Wang-Fu und Zhang, Ming-Rong bei Temperaturen um 36° Grad forderte den vollen Einsatz der deutschen Tang Lang Praktiker.

Altmeister Zhang, Wang-Fu, der bei He, Hong-Xiang gelernt hatte, war sichtlich erfreut in den Demonstrationen von Sifu Milbrat unverkennlich die “Handschrift” der Hé Familie zu erkennen. Beide Meister zeigten sich bereit, die Besonderheiten des Mei Hua Tang Lang intensiv zu erarbeiten. So standen Formen, Partnerformen und Übungen sowie Waffentraining und Anwendungen auf dem Programm. Sifu Klisch und Sifu Milbrat, die beide ihre Ausbildung abgeschlossen hatten, vertieften Gelerntes und hatten die Chance, Tang Lang Doppel-Kurzstock in Form und Anwendung vermittelt zu bekommen. Den Bonus, diese selten unterrichtete Doppelwaffe gezeigt zu bekommen, verdankten die beiden ihrem hohen Standart im Mei Hua Tang Lang der Hé Familie.

5 Tiger der Hé Familie

Fünf Brüder aus der 4. Generation Mei Hua Tang Lang spezialisierten sich so im Mantis Boxing, daß sie als die 5 Tiger der Hé Familie Tang Lang Geschichte in China machten.

Sifu Klisch war es wegen seiner chinesischen Sprachkenntnisse zu verdanken, daß man sich gemeinsam mit den Meistern von der Basis bis zu den Hohen Formen die Fachtermini einheitlich in die Pin Yin Umschrift erarbeitete. Überhaupt hatte Sifu Klisch die Trainingsreise zum Laoshan gut organisiert und wurde meisterlich mit den in China üblichen Schwierigkeiten fertig. Er fand auch die Zeit, für die Gruppe zu dolmetschen.

Obwohl das Training im Vordergrund stand, fand man die Zeit, um eine Waffenfabrik zu besichtigen und dort vor Ort Übungswaffen zu kaufen. Ein besonderes Erlebnis war der Besuch des Grabes vom Tang Lang Founder Wang Lang im Laoshan Gebirge. In der Freizeit konnte man im Gelben Meer baden. Ein Taifun bescherte herrliche Wellen, die man nutzte, um Body-Surfing zu versuchen. Wer wollte, fand auch die zeit, das Gebirge zu erkunden. Aber es ging auch in der Freizeit immer wieder ums Mantis Kung Fu.

Kung Fu Demo in Qingdao

Da die Meister im gleichen Hotel wohnten, gab es immer wieder entsprechende Extras. Schließlich sollte man noch in Qingdao an einer Kung Fu Demo teilhaben, worüber das dortige Fernsehen ausführlich berichtete. Vorführungen gab es auch in einer Schule für Shaolin Kung Fu, wo man sich mit Altmeister Mei, Jian-Zhang und 7 Sterne Tang Lang Meistern austauschen konnte. Meister Mei vertritt die 4. Generation Bakua und die 5. Generation Xing-Yi Quan. Überhaupt hatte man die Möglichkeit, viele Kontakte zu knüpfen. So vereinbarte man mit dem Mantis Meister und Wushu Reporter Yu-Bin den Austausch von Wushu Informationen aus beiden Ländern.

Die 3 Wochen Intensiv-Training gingen dann auch schnell zu Ende. Im Rahmen des Abschiedsessens, welches die Hotelinhaber spendierten, wurden Urkunden über das jeweils Erlernte jedem der Teilnehmer überreicht.

Sifu Klisch und Sifu Milbrat vereinbaren, in Zukunft weiter zusammen zu arbeiten

Für die Gruppe um Sifu Klisch ging es jetzt nach Peking und dann nach Deutschland zurück. Sifu Milbrat fuhr mit seinen Schülern per Eisenbahn (30 Stunden Fahrt) weiter zur am Huashan gelegenen Kaiserstadt Xian, um Chen Stil Tai Ji Quan beim German Wushu Research Association Meister Shen, Xi-Jing weiter zu lernen.

Hinter uns lag das Laoshan Gebirge und das Schwitzen, Üben und Lernen bei den Tang Lang Meistern saß uns noch in den Knochen. So machten Karsten, Thomas, Frank und ich uns auch keine Bange vor der 30stündigen Zugfahrt von Qingdao nach Xian. Auch wunderten wir uns nicht, daß wir irgendwie nur 2 Tickets für die lange Reise hatten. Irgendwie ging es auch so und wir arrangierten uns mit dem Liegen auf den Pritschen. Stickig, lebendig, eng, aber irgendwie schön ging es her im Zug und so ratterten wir mit dem Zug übers Land, vorbei an endlosen Feldern. Überhaupt schien alles irgendwie endlos auf dieser Zugfahrt. Dafür war unser Lebensmittelvorrat besonders endlich, unser Hunger dafür noch endloser.

In Xian war dann aber alles anders. Meister Shen, Xi-Jing hatte alles gut vorbereitet. Direkt vom Bahnsteig wurden wir abgeholt, um im klimatisierten Wagen zum Hotel gebracht zu werden und schon am nächsten Morgen trafen wir uns im Park an der Stadtmauer zum Tai Ji Quan Üben. Morgens lernen und nachmittags üben hieß es nun für die nächsten 3 Wochen.

Im Park von Xian

Im Park traf sich ein illustres Völkchen, um so allerhand noch mal zu üben. Ältere Damen und Herren warfen sich im ruhigen, steten Wechsel mit Brust oder Keule schnaufend gegen die großen Felsen. Qi Gong-Abhärtung, Cellulites-Therapie oder Verzweiflung über die hohen Eintrittsgebühren, richtig rausgefunden, warum, haben wir eigentlich nicht. So mancher hing Klimmzüge machend im Baum, spazierte rückwärts, übte Qi Gong, Tai Ji, Ba Kua, singen, Pipa spielen, tanzen. Eine ausgeflippte Lady saß Schwert schwingend in der Krone eines der vielen Bäume. Aus der empörten Reaktion der schimpfenden Leute unter dem Baum schlossen wir, daß das Schwert von einem der Übenden entwendet wurde. Wie gut, daß ich noch nicht wußte, daß eben diese Lady im Baum mir später meinen Übungsspeer zu entreißen suchte und sie aus der Nähe betrachtet noch ausgeflippter erschien ……

Anfangs staunten wir noch über den Zähne ziehenden Redner, der so manchen in seinen Bann zog, um ihm später an der Kauleiste herum zu zerren. Ein ganzer Haufen dieser Trophäen lag eher mahnend auf einer Decke. Schluck ……..

Nach 5 Wochen in China waren wir ziemlich abgebrüht

Überhaupt konnte man sich so manchen Zahn ziehen lassen, zumindest in Bezug auf Tai Ji. man brauchte sich nur einem der Tui Shou Cirkeln anzuschließen, um sich in Fachsimpelei und Austausch zu ergehen, wo es auch schon mal zur Sache ging. Zur Sache ging es auch im Straßenverkehr, wo wir mit geliehenen Drahtrossen so manches Rennen machten.

Zu tun gab es immer was, abends konnte man sich mit gegrilltem Fleisch von der Fahrradspeiche und Fladenbrot wieder stärken. Ach ja, Bier gabs auch ………

Nach 5 Wochen in China waren wir so ziemlich abgebrüht. Das Training im super feinen Staub, der grüne Regen, der Chemikalien sprühende Wagen im Park beim Training, die geile Stimmung, der Parcour zu den Touristenplätzen, all das konnte uns nicht mehr erschüttern. Na ja, die Ratte im Bett und anderes erinnerten uns daran, daß es hier doch irgendwie anders war. Was aber so anders war, verblaßte immer mehr. Egal. Dafür rückte mehr und mehr eine gereizte Stimmung und eine Lernsättigung in den Vordergrund. Zum Abschied warfen wir unsere Barschaft zusammen und uns in ein Abschiedsessen mit unserem Tai Ji Lehrer. Wirklich lobenswert war die Professionalität des W.C.T.A.G. Meisters, der es gut verstand uns zu motivieren und uns hervorragend unterrichtet.

Karsten und ich freuten uns auf good old Germany. Für Thomas und Frank hieß es für die nächsten 6 Wochen: Huashan rauf, Huashan runter, rein in den Zug, raus aus’m Zug. Himmelssee erleben, Abenteuer, schwüle Träume. Üben in der Wüste, Üben auf’m Berg, Üben im Zug, Frei und unabhängig sein. Vom Laoshan zum Huashan, daß war schon geil, extrem, survivalmäßig, ätzend, nervend und bei allem sehr lehrreich. Oder was?!

Text: Gerhard Milbrat

Wo die Suche endet beginnt der Weg

Taijiquan Sommercamp der WCTAG 2003

So eine Überschrift hört sich zunächst mal ganz gut, vielleicht sogar philosophisch an, ist aber erstens nicht von mir, und will zweitens mit Leben gefüllt sein. Das heißt, dass man zwar viele Lehr – und Sinnsätze kennen, doch nicht zwangsläufig mit gelebter Erfahrung füllen kann. Und da sind wir schon mitten im Geschehen.

Chen Tai Ji Quan – Sommercamp 2003 der WCTAG NRW unter Leitung v. Gerhard Milbrat

Es ist jedes Jahr aufs Neue eine Herausforderung sich in eine so große Gruppe einzufügen, und die eigenen Ansprüche und Erwartungen an die sich bietenden Chancen anzugleichen und selbige effektiv zu nutzen.

Doch dieses Jahr fiel es mir persönlich leichter als die Jahre zuvor. Ich hatte das Gefühl, die sogenannte Chemie stimmte. Die Leute waren vom ersten bis zum letzten Tag bereit als Teil eines Ganzen und nicht als egozentrische Solisten zu üben. Und ich glaube, dass damit die Basis für alle geschaffen war zu lernen. Wenn es mir auch immer wieder ein Rätsel aufgibt wie es den Dozierenden ( Gerhard und hadmut ) gelingt auf die verschiedenen Bedürfnisse und Wehwehchen von bis zu 43 Personen gleichzeitig einzugehen. Und das fast 24 Stunden am Tag.

Nichtsdestotrotz ist mir aufgefallen, dass wir es oft nicht nur äußerst eilig haben und uns damit selber blockieren zu sehen und zu lernen, sondern auch immer auf der Jagd nach Neuem sind. Wir haben es tausend Mal gehört und haben nicht den Mut uns zu bremsen.

Der Tui Shou Lehrgang von Jan Silberstorff während des Tai Ji Sommercamps, war für mich von einer subtilen Botschaft begleitet, die sich schon länger wie ein roter Faden durch mein Üben zieht, oder anders mit den Worten meines Lehrers gesagt: ” Was willst du mit einem Zimmer in der Luft”. Jans Korrekturen zielten immer und immer wieder auf die Struktur der Übenden. Doch wir haben es eilig. Wir müssen suchen, suchen nach Neuem, damit irgend- etwas in uns beruhigt sagen kann: Ja, ich habe etwas Darstellbares gelernt.

Dabei finde ich gerade im Chen Tai Ji Quan der WCTA und der geschlossenen Systematik der Übungsvorgaben und -abfolgen, können wir unseren suchenden Geist beruhigen und brauchen einfach nur zu üben und den Hilfestellungen unserer Vorgänger zu folgen, um vorwärts zu kommen.

Wir brauchen unsere Zeit nicht mit dem Suchen guter Systeme und Lehrer in aller Welt zu vergeuden. Wir können uns ganz auf das Üben als Solches konzentrieren und anfangen den Weg zu gehen, den andere vor uns minutiös ausgearbeitet haben und immer wieder verbessern. Und ich glaube, wenn wir den Mut aufbringen, das ruhelose Suchen in uns loszulassen, werden wir uns ganz von selbst auf das Wesentliche beschränken und anfangen zu entdecken.

Wo die Suche endet beginnt der Weg.

Piet Jütten

To Stand or not to Stand

Essay von Gerhard Milbrat

“Bitter Essen können” ist eine der Voraussetzungen, um Kung Fu zu bekommen. Aber ehrlich gesagt, wer ißt schon gerne freiwillig bitter? Um aber seine Fertigkeiten in der Kampfkunst optimieren zu können, ist viel Arbeit nötig. Ein wesentlicher Teil dieser Arbeit besteht aus Qi Gong Übungen, um innere Kraft. Ruhe und Gelassenheit zu erlangen.

Nun gibt es eine grobe Einteilung in innere und äußere Kampfsysteme und es entsteht der Eindruck, daß äußere Systeme keine innere Arbeit wie Qi Gong nötig haben. Jedoch ist es wohl aber so. daß hart und weich, innen und außen harmonisiert sein sollen. Gerade im Kung Fu. auch im Shaolin Kung Fu. ist es notwendig, Yin und Yang in Form und Anwendung durch richtiges Üben auszugleichen.

Eine der bittersten Übungen der inneren und äußeren Kung Fu Stile ist wohl das Stehen. Die Qi Gong Übungen des Stehens kann man grob in zwei Methoden unterteilen. Das passive Stehen und das aktive Stehen. Beide Arten sind fundamentales Training, um Kraft, Gesundheit sowie die Muskel- und Sehnen-Metamorphose zu erlangen. Es wird unterschieden zwischen Übungen, die Qi (Energie) fördern und Jing (Essenz) trainieren.

Das passive Stehen im Kung Fu

Gerade beim passiven Stehen (Zhan Zhuang), wobei man bewegungslos in spezifischen Bein- und Armhaltungen mindestens 20 Minuten verharrt, sind Ergebnisse nicht direkt festzustellen. Dies veranlasst einige Kampfkünstler zu denken, daß sie ihre Zeit verschwenden. Wie auch immer, der Erfolg des Zhan Zhuang als Trainingsmethode gerade in den inneren Kampfsystemen wie Tai Ji Quan, Ba Kua Zhang und Xing Yi Quan ist erwiesen. Viele der alten Großmeister dieser Systeme haben vielleicht keine Zeit Formen oder Pushings zu üben, aber sie finden immer Zeit für die stehende Meditation und die Gründe sind einleuchtend: Gesundheit zu fördern, Kampfkraft und Energie zu entwickeln bzw. zu erhalten. Die Beine sind das Fundament von Kraft. Sie stärken aber auch den gesamten Körper. Beim Minimum-Zeitaufwand von 20 Minuten erhält man die Gesundheit und Kraft, beim Maximum-Aufwand macht man auch im Alter Fortschritte in Qi- und Jing-Entwicklung. Auch die Kampfsysteme der äußeren Schule profitieren wesentlich von diesen Übungen und beinhalten diese auch. Die harte Schule der Shaolin läßt die Schüler, bis zu 3 Stunden im 100° Grad Reiterstand bewegungslos. Bitter, sehr bitter für den Freizeit-Kampfkünstler in den Wohlstandsländern. So extrem stehen muß ja nicht von jedem durchgezogen werden. Der Minimum-Aufwand von 20 Minuten sei jedenfalls empfohlen.

Das aktive Stehen im Kung Fu

Nicht ganz so bitter erscheint das aktive Stehen. Dabei werden je nach System stilspezifische Armbewegungen und auch Standwechsel mit vertieftem Körperschwerpunkt ausgeführt. Im Chen Tai Ji z.B. gibt es u.a. das Reeling Silk (San Si Gong), im Mei Hua Tang Lang heißen diese Übungen z.B. Da Ba She und Xiao Ba She. Jede Familie hat ihre eigenen Übungen. Man kann auch Formen wie aktives Stehen üben, dabei sollte man tief und langsam üben. Übt man schnell, trainiert man eher Kondition und Aussenkraft. Das Qi aber verstreut sich. Anstatt im unteren Dantian gesammelt zu werden, steigt es nach oben. Der Effekt ist, daß man außer Atem ist, nervöser, reizbarer und aggressiver wird. Nun mag man einwenden, daß äußere Kraft auch entwickelt werden sollte, was auch stimmt. Ist aber ein aggressiver Kämpfer ein besserer Kämpfer oder gar ein Kampfkünstler? Mal ehrlich: hat jemand ein Kämpferherz, ist aggressiv und skrupellos, muß er dann noch Kampfkunst trainieren, um sich im Kampf zu behaupten? Wir sehen dies bei Straßenkämpfern, die mit oben genannten Eigenschaften ausgestattet so manchem Kung Fu Kämpfer gezeigt haben, wie man mit Brutalität gewinnen kann.

Wir, die Kung Fu Trainierenden streben zu der Kampfeffektivität zusätzliche Ziele an. Zu siegen ohne zu kämpfen, sich auch geistig und spirituell zu entwickeln, friedlicher zu werden.

Wir wissen, daß die Art der Haltung und Bewegung auch auf unsere Psyche wirken und wir zielen darauf Gesundheit, Selbstvertrauen, Selbstbehauptung, Ruhe und Gelassenheit zu fördern. Ohne Kampfkunstspezifisches Qi Gong können wir sicher schnell auf die Ebene des Kampfes kommen, d.h. schnell Fortschritte im Kämpfen machen. Um höhere Stufen der Kampfkunst zu erreichen, wird: das Integrieren von Qi Gong und alle Generationen der Meister belegen dies. Passive und aktive Stehübungen sind deshalb in den Kampfkünsten fest etabliert. Aber es muß auch gesagt werden, daß gerade für Anfänger und mittlere Fortgeschrittene das Stehen nicht ausreicht und Stilspezifische Technik, Kraft, Schnelligkeit, Distanz usw. trainiert werden muß. Die Kampfkunstlehrer sollten wissen, daß dicke Arme und. ein richtiger Wums nicht das einzige Ziel einer Kampfkunstausbildung sind. Auch kann nicht jeder Schüler richtig damit umgehen. Soldaten bekommen ohnehin ein andere Kampfausbildung. Ziel der Kampfkunstschulen ist doch, einen Beitrag zu leisten, damit wir Menschen uns weiter entwickeln, damit die Welt friedlicher und nicht aggressiver wird. Entscheidet einfach selber, was ihr wollt oder to stand or not to stand.

Literaturtips:
Ansara Verlag – Mantak Chia – Eisenhemd Qi Gong
Mosaik Verlag – Daniel Ried – Qi Gong
Knaur Verlag – Wong, Kiew-Kit – Die Kunst des Qi Gong
Inside Kung Fu – Doc, Fai-Wong – Training zu Stand
Goldmann Verlag – Requena, Yfes – Qi-Gong

Text: Gerhard Milbrat